Mit diesem positiven Fazit endete das gestrige DGPPN-Hauptstadtsymposium. Für die nachhaltige Umsetzung bedarf es jedoch noch weitreichender Anstrengungen für eine gelingende regionale und vernetzte Versorgung, frühzeitige Diagnostik, leitliniengerechte Behandlung und für sozialräumliche Unterstützung, so die Expertinnen und Experten.
Die in Berlin stattfindende Veranstaltungsreihe Hauptstadtsymposium der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) war am gestrigen Abend mit 130 Teilnehmenden nicht nur vor Ort ausgebucht; auch die knapp 400 zugeschalteten Teilnehmenden im Livestream verdeutlichten einmal mehr die Relevanz des Themas der Prävention von Gewalttaten durch Menschen mit psychischen Erkrankungen. Neben Vertretern aus Landes- und Bundespolitik, von Fachgesellschaften und Berufsverbänden waren vor allem zahlreiche Fachexperten aus Kliniken, Gesundheitsämtern, Maßregelvollzugseinrichtungen sowie von Sozialpsychiatrischen Diensten unter den Teilnehmenden vertreten. Diese große Resonanz über alle Berufsgruppen hinweg verdeutlicht den Bedarf an evidenzbasiertem Austausch zu einem medial doch sehr präsenten Thema. Die DGPPN hatte sich schon im vergangenen Jahr intensiv mit diesem Thema befasst und im Sommer 2025 das Positionspapier zur Prävention von Gewalttaten veröffentlicht.
Im ersten Vortrag des Hauptstadtsymposiums klärte die ausgewiesene Expertin und Aggressionsforscherin Prof. Dr. Ute Habel, Sprecherin des Transregio-Sonderforschungsbereichs „Die Neuropsychologie von Aggressionen" und Mitautorin dieses DGPPN-Positionspapiers, zu Fakten statt Furcht über die grundlegenden Zusammenhänge zwischen Gewalt und psychischen Erkrankungen auf. Bei bestimmten Patientinnen und Patienten mit psychischen Störungen existiert ein höheres Risiko, Gewalt auszuüben und zu erfahren. Dies gilt besonders für Betroffene mit Schizophrenien und anderen Psychosen, Substanzkonsumstörungen (Missbrauch/Abhängigkeit von Drogen und Alkohol) und schweren Persönlichkeitsstörungen. Prof. Habel betonte: die überwiegende Mehrheit der Menschen, die an diesen Erkrankungen leiden, ist nicht gewalttätig. Aber das Risiko ist tatsächlich statistisch erhöht. Es steigt, wenn Drogen und Alkohol konsumiert werden und es sinkt, wenn die Erkrankung adäquat behandelt wird. Das heißt aber auch: Das beste Mittel der Gewaltprävention ist die konsequente Therapie psychischer Erkrankungen.
Wie dies gelingen kann, zeigt die DGPPN in ihrem in dieser Woche veröffentlichten Papier Versorgung stärken, Gewalt verhindern auf. Die Präsidentin der DGPPN, Prof. Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank, stellte diese konkreten Möglichkeiten auf dem Hauptstadtsymposium vor. Der Fokus müsse dabei auf der Vorsorge, auf passgenauen Behandlungsangeboten und Förderung der Teilhabe von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen liegen. Die Empfehlungen umfassen dabei ausdrücklich den Ausbau des derzeitigen Hilfe- und Unterstützungssystems, in dem die öffentlich-rechtliche Unterbringung und andere Zwangsmaßnahmen nur als ultima ratio eingebettet sind. „Die Herausforderung ist, die Balance zwischen dem berechtigten Schutzbedürfnis der Gesellschaft und den Persönlichkeitsrechten von Patientinnen und Patienten sowie der möglichen Diskriminierung psychisch erkrankter Menschen zu finden“, so Prof. Gouzoulis-Mayfrank. Weiter betonte sie: „Nachhaltige Gewaltprävention gelingt durch Behandlung und Teilhabe – nicht durch einseitige sicherheitspolitische Verschärfungen.“
Exemplarisch für eine gelingende Prävention wurden drei schon erprobte Angebote vorgestellt. Dr. Anja Christine Zimmermann, Leiterin Organisation & Forschung des Arbeitsbereichs schwere psychische Erkrankungen, Früherkennung, Integrierte Versorgung in der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf gab einen Einblick in Preventive Assertive Community Treatment (pACT): Integrierte Versorgung “Hamburger Modell” und das Projekt SAFE. Dr. Islem Ganzoui von der Präventionsstelle Berg am Laim am kbo-Isar-Amper-Klinikum Region München stellte exemplarisch die Bayerischen Präventionsstellen vor. Beiden Angeboten gemeinsam ist der Ansatz der integrierten und aufsuchenden Versorgung, die Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen auch in instabilen Lebenslagen erreicht sowie eine frühzeitige Risikoerkennung und abgestimmtes Handeln ermöglichen. Die DGPPN sieht in solchen Angeboten wichtige Bausteine für eine wirksame Gewaltprävention; eine flächendeckende Etablierung solcher bedarfsadaptierter, aufsuchender ambulanter Versorgungsangebote für Hochrisikogruppen sei unbedingt zu empfehlen. Schließlich erläuterte Prof. Dr. Elmar Habermeyer, Direktor Forensische Psychiatrie und Psychotherapie an der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, das Schweizer Modell der forensisch-psychiatrischen Fachstellen bei den Polizeibehörden.
Die Podiumsdiskussion des Hauptstadtsymposiums bot durch ihre Teilnehmenden die Grundlage für eine angeregte Debatte: Andreas Jung, repräsentierte mit EX-IN (Experienced involvement – Beteiligung Erfahrener Menschen) die Sicht der Betroffenen; Dr. Christiane Erbel vertrat als Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Elternstimme in Prävention und Suchthilfe die Angehörigenperspektive. Die Leiterin des Amtes für Gesundheit und Prävention der Landeshauptstadt Dresden, Dr. Kristina Böhm, verdeutlichte die Sicht des Öffentlichen Gesundheitsdienstes; Prof. Dr. Thomas Pollmächer, Ärztlicher Direktor der kbo-Donau-Altmühl Klinik Ingolstadt, Vorstandsmitglied der DGPPN und als Mitautor die Empfehlungen der DGPPN aufzeigend, Olaf Neubert vom GKV-Spitzenverband, Marion Schiefer als Mitglied des Landtags in Schleswig-Holstein und Vorsitzende des Facharbeitskreises Innen und Recht sowie Jörg Utschakowski, Leiter des Referats Psychiatrie und Sucht bei der Senatorin für Gesundheit in Bremen – sie alle sorgten für eine lebhafte Debatte in der Sache. Die Notwendigkeit einer klar geregelten Kooperation zwischen Gesundheits-, Sozial-, Innen- und Justizbehörden im Sinne einer Verantwortungsgemeinschaft kristallisierte sich im Laufe der wertschätzenden Diskussion als gemeinsames Ziel heraus.
In diesem Sinne fasste Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank abschließend zusammen: „Heute Abend ist es uns gelungen, auch kontroverse Ansichten miteinander zu diskutieren und die jeweils eigene Perspektive dabei verständlicher zu machen. Nur durch einen solchen Austausch und durch das gemeinsame Gespräch über alle Sektorengrenzen hinweg schaffen wir es, einen gemeinsamen Weg hin zur nachhaltigen Prävention von Gewalttaten durch Menschen mit psychischen Erkrankungen zu finden.“ Sie betonte: „Gewaltprävention muss sich immer an dem Ziel orientieren, Risiken durch gute Behandlung und soziale Integration zu senken.“

DGPPN-Hauptstadtsymposium 2026, Prof. Dr. Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank