Neue Lösungen für wachsenden Hilfebedarf

Das psychiatrische Hilfesystem in Deutschland basiert auf einem komplexen Zusammenspiel ambulanter, teilstationärer, stationärer und komplementärer Angebote. Angesichts der steigenden Inanspruchnahme medizinischer Leistungen aufgrund von psychischen Erkrankungen steigt der Druck auf die Leistungserbringer. Um die Qualität der Versorgung auch in Zukunft sichern zu können, sollte verstärkt in innovative sektorenübergreifende Versorgungsmodelle investiert werden. 

© DGPPN/Claudia Burger

Innerhalb eines Jahres erkrankt bundesweit jeder dritte Mensch an einer psychischen Störung. Zu den häufigsten Erkrankungen gehören Angststörungen, Depressionen sowie Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit. Studien zeigen, dass die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen steigt, trotzdem befindet sich nur jede Fünfte mit einer psychiatrischen Diagnose in professioneller Behandlung. Für die kommenden Jahre ist ein weiterer Anstieg des Hilfebedarfs zu erwarten. Damit steigen auch die Anforderungen an das Versorgungssystem.

Das psychiatrische Hilfesystem basiert auf einem komplexen Zusammenspiel ambulanter, teilstationärer, stationärer und komplementärer Angebote. Viele verschiedene Berufsgruppen arbeiten Hand in Hand: Psychiater, Psychotherapeuten, Pflegefachleute, Sozialarbeiter und Spezialtherapeuten. Die meisten Menschen mit psychischen Erkrankungen werden ambulant behandelt, dabei ist vielfach der Hausarzt erster Ansprechpartner für die Betroffenen. Die Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz bei einem Facharzt, ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten können Wochen bis Monate betragen. Dabei gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Bundesländern und zwischen ländlichen und städtischen Regionen. 

Die stationäre Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen gewährleistet eine Vielzahl von Fachkliniken und Fachabteilungen an Allgemeinkrankenhäusern, darunter zahlreiche Universitätskliniken. Daneben existieren auch zahlreiche Kliniken für Psychosomatik, die ebenfalls an der stationären Versorgung beteiligt sind. In den vergangenen Jahrzehnten ist es zu einer enormen Leistungsverdichtung gekommen. Klinikbetten und Verweildauern wurden massiv reduziert, während die Behandlungsfälle vollstationärer Patienten stark zugenommen haben. Hinzu kommt, dass die Angebote über die Sektorengrenzen hinweg noch nicht optimal koordiniert sind – was gerade Patienten mit wenig eigenen Ressourcen vor weitere Probleme stellt. 

Vor allem bei der langfristigen Versorgung von Betroffenen mit chronischen Krankheitsverläufen und dem Bemühen um ihre chancengleiche Teilhabe an allen Bereichen des Lebens bestehen Potenziale zur Verbesserung. Dies macht es erforderlich, sich über innovative Versorgungsmodelle auszutauschen, um die Qualität der Versorgung auch in Zukunft sichern zu können.

Das Gesundheitssystem muss dringend auf diese Herausforderungen reagieren: Menschen mit psychischen Erkrankungen benötigen neue gestufte, bedarfsgerechte, personenzentrierte, sektoren- und settingübergreifende Versorgungsmodelle, die ihren spezifischen Bedürfnissen gerecht werden. Dabei stellt sich auch die Frage, wie die Empfehlungen der evidenzbasierten Leitlinien im Behandlungsalltag noch umfänglicher umsetzbar sind und wie sich die neuesten Erkenntnisse aus Wissenschaft und Forschung in die Praxis übersetzen lassen. 

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