Expertinnen und Experten aus Suchtforschung, Psychiatrie und Kinder- und Jugendpsychiatrie warnen: Der zweite EKOCAN-Zwischenbericht zeichnet ein zu positives Bild der Teillegalisierung. Riskante Entwicklungen wie die Zunahme problematischer Konsummuster werden nicht klar genug benannt. In einer gemeinsamen Stellungnahme fassen die drei medizinischen Fachgesellschaften DGPPN, DG-Sucht und DGKJP ihre Schlussfolgerungen aus den Daten zusammen und machen zudem deutlich, welchen Anforderungen eine evidenzbasierte Bewertung der Legalisierungs- bzw. Teillegalisierungspolitik gerecht werden muss.
Der zweite Zwischenbericht des Forschungsprojekts zur Evaluation des Konsumcannabisgesetzes (EKOCAN) darf nach Auffassung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht) sowie der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) nicht als Entwarnung verstanden werden. Die Schlussfolgerung, der Cannabiskonsum sei seit Inkrafttreten des Konsumcannabisgesetzes im April 2024 nicht angestiegen, ist aus Sicht der drei medizinischen Fachgesellschaften der Datenlage nicht angemessen.
Prof. Dr. Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank, Präsidentin der DGPPN: „Die dem Bericht zugrunde liegenden Befragungen liegen zeitlich eng um das Inkrafttreten des Konsumcannabisgesetzes. Internationale Forschung zeigt aber, dass Effekte einer Legalisierung frühestens nach fünf, realistischer nach zehn Jahren sichtbar werden. Dass unter diesen Messbedingungen „keine maßgebliche Veränderung" berichtet wird, ist kein Beleg für das Ausbleiben von Effekten. Das muss so auch öffentlich eingeordnet werden.“
Prof. Dr. Michael Kölch, Präsident der DGKJP: „Während die Zahl der Konsumierenden zwar insgesamt stabil bleibt, ist der Anteil derjenigen mit schädlichen oder abhängigen Konsummustern gestiegen – insbesondere bei jungen Erwachsenen und Jugendlichen. Gleichzeitig nehmen weniger Jugendliche und junge Erwachsene die Angebote von Suchtberatung und Frühintervention wahr, denn der bisherige Zugang über Polizei und Justiz ist weggefallen, ohne dass alternative Zugangswege geschaffen worden sind. Damit entsteht ausgerechnet in einer Hochrisikogruppe eine Versorgungslücke.“
Prof. Dr. Eva Hoch und Prof. Dr. Thomas Hillemacher, Co-Präsidenten der DG-Sucht: „Die schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen des Konsums werden bislang nur unzureichend erfasst. Dazu gehören Abhängigkeiten, cannabisbezogene Störungen, Intoxikationen und psychotische Erkrankungen. Der bisherige Beobachtungszeitraum ist viel zu kurz, um hierzu verlässliche Aussagen treffen zu können.“
Mit Sorge sehen DGPPN, DG-Sucht und DGKJP zudem die Entwicklung im Bereich Medizinalcannabis. Nach den regulatorischen Änderungen hat sich ein stark wachsender Markt mit niedrigschwelligen Zugängen ohne verpflichtenden persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt entwickelt, der Fehlanwendungen und eine Verwischung der Grenze zwischen medizinischer Indikation und Freizeitkonsum begünstigt. Dies widerspricht dem Anspruch eines konsequenten Gesundheits- und Jugendschutzes.
In Hinblick auf die weiterführende Evaluation fordern die Fachgesellschaften eine transparente Kommunikation der wissenschaftlichen Datenbasis, insbesondere der erheblichen Datenunsicherheiten, und eine strikte Trennung von empirischen Befunden und Politikberatung. Kritische Befunde müssen zum zentralen Gegenstand vertiefter Analysen werden, so dass davon ausgehend konkrete Regulierungsvorschläge gemacht werden können.