11.05.2026 | Pressemitteilung

Fachkongress 2026: Psychiatrie zwischen Selbstbestimmung, Schutzauftrag und Zwangsvermeidung

Patientenwohl und Selbstbestimmung sind zentrale Orientierungspunkte der modernen Psychiatrie. Allerdings können bestimmte Erkrankungen – wenn auch selten - die Selbstbestimmungsfähigkeit beeinträchtigen, was besonders dann komplexe medizinische, ethische und juristische Fragen aufwirft, wenn Patientinnen oder Patienten ihre eigene Gesundheit oder Dritte gefährden.

Das Vorliegen einer psychischen Erkrankung führt nicht automatisch dazu, dass Patientinnen und Patienten nicht selbstbestimmt entscheiden können und dürfen. Was jedoch zu tun ist, sollten psychische Erkrankungen in Einzelfällen die Selbstbestimmungsfähigkeit von Menschen stark einschränken, darüber wird seit Jahren intensiv beraten und geforscht. Welche Rolle spielen Recht, Ethik, klinische Praxis und die Perspektiven von Betroffenen und Angehörigen? Wie wird Entscheidungsfähigkeit gefördert, wie wird Einwilligungs(un)fähigkeit bestimmt? Wie kann Zwang wirksam vermeiden werden und, falls das unmöglich ist, wie können Zwangsmaßnahmen so durchgeführt werden, dass sie die Beeinträchtigungen des Betroffenen möglichst gering gehalten werden?

Der Kongress Psychiatrie im Spannungsfeld von Autonomie und Wohlergehen, der vom 4. bis 6. Juni 2026 in Berlin stattfindet, bietet einen Rahmen, genau diese komplexen Fragen interdisziplinär und im trialogischen Austausch zu diskutieren - insbesondere im Vergleich zwischen Österreich, der Schweiz und Deutschland. Rund 50 Veranstaltungen unterschiedlicher Formate, wie Plenarvorträge, Symposien, Diskussionsforen und Freie Vorträge mit hochkarätigen Expertinnen und Experten laden zu einem intensiven Fachaustausch ein. Ziel des Kongresses ist es, bessere Wege zur Stärkung der Patientenautonomie, zur Verhinderung von Zwang und zu bestmöglichen Behandlungsangeboten zu finden.

  • Kongress Psychiatrie im Spannungsfeld von Autonomie und Wohlergehen
  • Donnerstag, 4. Juni bis Samstag, 6. Juni 2026
  • Berlin, Estrel Congress Center Berlin
  • www.patientenautonomie-kongress.de

Im Mittelpunkt des Kongresses steht die Frage, wie Autonomie unter den Bedingungen psychiatrischer Versorgung tatsächlich gesichert, unterstützt und wiedergewonnen werden kann.

Dazu gehört eines der Leitthemen des Kongresses, dem sich gleich mehrere Symposien und Diskussionsforen widmen: Zwang und Vermeidung von Zwangsmaßnahmen. Die Referentinnen und Referenten behandeln das Thema Zwang nicht nur als juristische Kategorie, sondern vor allem als ggf. notwendige Praxis mit tiefgreifenden Folgen für Würde, Vertrauen, therapeutische Beziehung und gesellschaftliche Teilhabe. Die Veranstaltungen widmen sich dem Themenkomplex aus sehr unterschiedlichen Perspektiven, sei es aus rechtlicher, philosophischer, medizinethischer, klinischer Sicht oder aus der persönlichen Wahrnehmung als Betroffener und Angehöriger.

Hochaktuell widmet sich ein Diskussionsforum dem Thema der Ambulanten Zwangsbehandlung, welches die Folgen der jüngsten rechtlichen Entwicklungen zu ärztlichen Zwangsmaßnahmen aufgreift. Im Zentrum stehen hierbei die Veränderungen, die sich aus der Neuregelung der Zulässigkeit ärztlicher Zwangsmaßnahmen ergeben könnten – für Betroffene, Angehörige, Betreuende, Gerichte und die psychiatrische Behandlungspraxis. Der Kongress reagiert damit unmittelbar auf eine Debatte, die nicht nur juristisch, sondern auch gesamtgesellschaftlich und ethisch hochsensibel ist: Wo endet der Schutzauftrag, wo beginnt eine Ausweitung psychiatrischer Eingriffe in private Lebensräume?

Aber auch grundlegende Fragen werden im Rahmen des Kongresses vorgestellt und diskutiert: neue empirische Befunde, die Rolle von Klinikstrukturen, Teamkulturen und beruflichen Einstellungen sowie Modelle, mit denen Zwang in psychiatrischen Einrichtungen wirksam reduziert werden können. Ein Symposium zu Sprachbarrieren, Zwang und Patientenautonomie macht ebenfalls sichtbar, wie selbst strukturelle Verständigungsprobleme zu weniger Teilhabe, mehr Zwangseinweisungen und geringerer Behandlungszufriedenheit führen können.

Deutlich wird dabei: Die Frage nach Zwang ist nicht nur eine Frage individueller Krisen, sondern auch eine Frage von Organisation, Versorgungssystem und professioneller Haltung.

Besondere Aufmerksamkeit erhält zudem die forensische Psychiatrie, in der das Spannungsverhältnis zwischen individueller Selbstbestimmung, therapeutischer Fürsorge und gesellschaftlichem Schutzauftrag besonders deutlich hervortritt. Mehrere Symposien befassen sich mit Autonomie und Fürsorge im Maßregelvollzug, mit menschenrechtlichen Anforderungen an die forensische Versorgung sowie mit aktuellen Entwicklungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Damit macht der Kongress deutlich, dass die Debatte über Patientenautonomie gerade dort besonders anspruchsvoll wird, wo Freiheitsentzug, Gefährdungsbeurteilung und staatliche Schutzpflichten zusammenkommen.

Ergänzt wird das Programm durch länderübergreifende Formate zu Unterbringungsrecht, Angehörigenperspektiven und assistiertem Suizid sowie durch freie Vorträge, die neue ethische, rechtliche und klinische Fragestellungen aufgreifen. Der Kongress versteht sich damit ausdrücklich als Forum für fachliche Kontroverse, internationale Vergleichsperspektiven und trialogischen Austausch.

Der Kongress zeigt: Patientenautonomie ist in der Psychiatrie weder ein Randthema noch ein abstraktes Ideal. Sie ist der Prüfstein dafür, wie eine moderne psychiatrische Versorgung mit Macht, Schutz, Verantwortung und Würde umgeht.

Ausgerichtet wird der Kongress von drei Fachgesellschaften: Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V.  (DGPPN), die Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP) sowie die Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP).

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