Niedrigschwellig und sensitiv für psychische Symptome, unterstützend statt verpflichtend und datensicher: Aus Sicht der DGPPN müssen digitale Ersteinschätzungstools diese Voraussetzungen erfüllen, um im Rahmen eines Primärversorgungsmodells sinnvoll eingesetzt zu werden. In einer aktuellen Positionierung benennt die Fachgesellschaft klare Anforderungen und bietet eine Beteiligung psychiatrischer Expertise bei den weiteren politischen Beratungen an.
Die DGPPN unterstützt die Einführung eines Primärversorgungssystems. In einem solchen System können digitale Ersteinschätzungstools ein sinnvoller Baustein sein – sofern sie freiwillig nutzbar sind, die Orientierung im Hilfesystem unterstützen und nicht als Zugangshürde wirken. Entscheidend ist, dass sie dazu beitragen, Menschen mit psychischen Beschwerden schneller und bedarfsorientiert an geeignete Hilfen heranzuführen. Unabhängig davon muss weiterhin ein direkter Zugang zu Fachärztinnen und Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie möglich sein.
Die Präsidentin der DGPPN, Prof. Dr. Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank macht deutlich: „Digitale Ersteinschätzungstools können die Hilfesuche erleichtern. Wichtig ist aber, dass ihre Nutzung freiwillig und unterstützend ist. Insbesondere Menschen, deren Teilhabe am gesellschaftlichen Leben durch gesundheitliche, soziale oder strukturelle Hürden erschwert ist, müssen auch auf alternativen Wegen Hilfe erhalten können. Das Ziel eines Tools muss es sein, Verzögerungen und Barrieren auf dem Weg zur Unterstützung zu reduzieren.“
Um diesem Anspruch gerecht zu werden, muss ein digitales Ersteinschätzungstool mehrere zentrale Voraussetzungen erfüllen: Neben somatischen Beschwerden müssen psychische Symptome frühzeitig, systematisch und mit ausreichender Differenzierung erfasst und im Gesamtbild der Beschwerden bewertet werden. Ebenso unabdingbar ist die verlässliche Erkennung psychiatrischer Notfälle, die nicht nur erfasst werden, sondern für die entsprechende Empfehlungen ausgesprochen werden; in diesen Fällen sollte dann auf sicher ausgestaltete Schnittstellen mit bestehenden Systemen der Notfallversorgung zurückgegriffen werden können. Das Tool sollte darüber hinaus u.a. auch Empfehlungen zur ambulanten fachärztlich psychiatrischen Diagnostik und Therapie geben. Da psychische Erkrankungen weiterhin stark stigmatisiert sind, sind zudem besonders hohe Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit zu stellen, um Vertrauen bei den Betroffenen zu schaffen.
Vor diesem Hintergrund hat die DGPPN bestehende Instrumente geprüft. Die Software SmED (Strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland), die unter anderem bei der Telefon-Hotline 116 117 eingesetzt wird, stellt aus Sicht der Fachgesellschaft keine geeignete Grundlage für ein digitales Ersteinschätzungstool dar, das auch psychische Beschwerden abfragen und bewerten soll. Stattdessen empfiehlt die DGPPN, sich bei der Entwicklung eines neuen Tools am Angebot 111 des britischen National Health Service zu orientieren. Dieses erscheint benutzerfreundlicher und barrierearm und es integriert psychische Gesundheit systematisch in die medizinische Ersteinschätzung.
Die DGPPN fordert, dass die Belange von Menschen mit psychischen Erkrankungen – insbesondere auch von schwer psychisch erkrankten Menschen – in der weiteren Ausgestaltung digitaler Ersteinschätzungstools verbindlich berücksichtigt werden. Dafür ist der Einbezug der fachärztlichen psychiatrischen Expertise erforderlich. Nur so kann sichergestellt werden, dass digitale Instrumente für Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht zu zusätzlichen Barrieren führen, sondern zu einer bedarfsgerechten, sicheren und diskriminierungsfreien Versorgung beitragen.