Pandemie und Psyche

Auch während der Corona-Pandemie ist die DGPPN eine gefragte Anlaufstelle für Journalisten. Zahlreiche Presseanfragen wurden in den letzten Wochen beantwortet, täglich Experten für Interviews vermittelt. Eine Auswahl der häufigsten Fragen und die dazugehörigen Stimmen der DGPPN-Experten können hier nachgelesen werden. Bei Interesse stellt die DGPPN-Pressestelle gern weiterführende Informationen zur Verfügung oder vermittelt Experten.

Knapp 18 Millionen Erwachsene (fast 28 Prozent) sind jedes Jahr in Deutschland von psychischen Erkrankungen betroffen. Mit am häufigsten treten Angsterkrankungen, gefolgt von affektiven Störungen wie Depressionen oder solche durch den Konsum von Alkohol oder Medikamente auf. In Folge der staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus und der begleitenden Berichterstattung in den letzten Wochen über die Pandemie haben sich in der deutschen Bevölkerung laut repräsentativer Umfragen vermehrt Ängste, Stress und Sorgen bezüglich der Epidemie sowie der gesundheitlichen, gesellschaftlichen und psychosozialen Auswirkungen verbreitet. Wenngleich noch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse vorliegen und viele Forschungsfragen noch offen sind, spricht vieles dafür, dass die Einschränkungen im Alltagsleben durch die Corona-Pandemie wie Ausgangsbeschränkungen, Kontaktsperren und soziale Isolierung Menschen psychisch gefährden und ernsthafte psychische Belastungen nach sich ziehen können.

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Welche Folgen haben Kontaktverbot, Ausgangssperren, Quarantäne für die psychische Gesundheit gesunder Menschen?

  • Schlafstörungen
  • Ängste
  • depressive Gefühle
  • soziale Konflikte
  • häusliche Gewalt

Das sagen DGPPN-Experten:

Wenn ich einsam bin und keine Mittel habe, damit umzugehen, ist das Risiko für eine Depression ziemlich groß. Das sind häufig eng miteinander verknüpfte Situationen, weil eine Depression die Folge von nicht bewältigter Einsamkeit sein kann. (Arno Deister, Frankfurter Rundschau, 19.03.20)

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Deshalb brauchen alle ein Mindestmaß an sozialen Kontakten, um sich wohlzufühlen. Und auch, wenn sich davon einiges virtuell ersetzen lässt, fehlt dabei immer eine wichtige Komponente: physische Nähe und körperliche Kontakt. Sie vermitteln Sicherheit und wenn sie fehlen, fühlt man sich tatsächlich isoliert von den anderen und damit auch einsam. Darüber hinaus hindert die aktuelle Situation Menschen an der Fortbewegung, was viel mehr bedeutet, als nur sich zu bewegen. Liegestütze oder das Fahrrad-Ergometer mögen die körperliche Fitness aufrechterhalten, den Freiheitsdrang des Menschen stillen sie aber nicht. (Thomas Pollmächer, pfaffenhofen-today.de, 15.04.20)

Andauernde Gefühle von Unsicherheit, Angst und Isolation erzeugen Stress und sind ein Risikofaktor für Gesunde, sagt die ärztliche Direktorin der Alexianer St. Joseph Klinik in Berlin. Mögliche Folgen: Schlafstörungen, Angststörungen, depressive Gefühle. Die Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie erwartet, dass ehemalige schwer betroffene Corona-Patienten, Ärzte und Pflegekräfte in und nach der Krise möglicherweise traumatisiert seien. (Iris Hauth, Rheinische Post, 27.03.20)

Welche Folgen hat der Lockdown für psychisch erkrankte Menschen?
  • Einsamkeit verstärkt sich
  • depressive und posttraumatische Belastungssymptome können zunehmen
  • Versorgungsangebote fehlen bzw. sind eingeschränkt
  • Behandlungen finden zum Teil eingeschränkt über Video- und Telefonkonferenzen, Telefonsprechstunden und digitale Therapieangebote statt.
  • Psychiatrische Kliniken haben über einen längeren Zeitraum Behandlungen verschoben, um die Versorgung von Menschen mit akuter Krise sicherzustellen.
  • auch Tageskliniken mussten ihr Angebot reduzieren
  • Zahlen und Fakten: Studien zufolge leiden zehn Millionen Menschen in Deutschland im Verlauf eines Jahres unter einer Angststörung. Mehr als fünf Millionen sind an einer Depression erkrankt. Etwa 1,7 Millionen sind aktuell an einer Psychose erkrankt.
     

    Das sagen DGPPN-Experten:

    In bedrohlichen Zeiten wie diesen bräuchte es eigentlich eine stärkere psychologische Betreuung als sonst. Das Gegenteil ist der Fall. Wegen der Infektionsgefahr haben zahlreiche Kliniken ihren Routinebetrieb weitgehend heruntergefahren. Jeder, der nicht akut aufgenommen werden muss, wird momentan möglichst nicht aufgenommen, sondern ambulant versorgt. Gleichzeitig würden derzeit viele aus Angst vor Ansteckung auf die Kontaktaufnahme mit einer psychiatrischen Einrichtung verzichten. Videosprechstunden seien auch nicht für alle geeignet, etwa arme und alte Menschen, die die Geräte dazu nicht haben. Und was psychiatrische Institutsambulanzen angeht, sei noch nicht bundesweit geklärt, ob sie Telefongespräche wie Präsenztermine abrechnen können. (Andreas Heinz, taz, 25.04.20)

    Für Menschen mit psychischen Problemen ist die momentane Anspannung schwerer zu bewältigen als für andere. Sie sind stressempfindlicher und bekommen möglicherweise mehr Symptome – also auch mehr Angst, mehr Panik und Depressionen. Viele Kliniken und Praxen haben bereits alternative und innovative Behandlungsmethoden wie Telefon- und Videosprechstunden sowie Online-Interventionen [LINK] in Behandlung und Therapie aufgenommen. (Iris Hauth, Ärzte Zeitung, 03.04.2020)

    In den Therapien arbeiten wir daran, dass Patienten aktiv ihre Tagesstruktur gestalten und unter Menschen gehen. Nun sind viele Patienten isoliert und fühlen sich einsam. Versorgungsangebote entfallen. Psychiatrische Kliniken verschieben Behandlungen, um eine Versorgung von Menschen mit akuter Krise sicherstellen zu können. Wer seit Längerem einen Klinikaufenthalt geplant hat, muss also unter Umständen warten. Auch Tageskliniken reduzieren ihr Angebot. (Iris Hauth, Rheinische Post, 27.03.20)

    Die Situation ist im Moment für alle schwierig. Studien zeigen, dass Isolation und Quarantäne belastend sind. Und das gilt für Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Tat ganz besonders. Die Betroffenen befinden sich ohnehin oft bereits in einer Krisensituation und sind auf ihr soziales Netzwerk angewiesen, auf Freunde und Familienmitglieder, die ihnen helfen und sich um sie kümmern. Ist das nicht mehr oder nur noch eingeschränkt möglich, wird es für die Patienten sehr schwierig. Es gibt außerdem Erkrankungen, bei denen es den Betroffenen ohnehin schwerfällt, ihre Tagesstruktur aufrechtzuerhalten, etwa bei einer Schizophrenie. Schon bei Depressionen kann das problematisch sein, wenn der Antrieb fehlt. In solchen Fällen können Angehörige und Freunde helfen. Aber auch wir als Therapeuten bemühen uns, mit den Patienten gemeinsam Lösungen zu finden. […] Für Menschen mit einer Depression sind weniger Sozialkontakte ein Problem. Auch Angsterkrankungen können sich verschlechtern, wenn die Sorgen der Betroffenen zum Beispiel primär um den Gesundheitsbereich kreisen. Bei Patienten mit Schizophrenie können wahnhafte Befürchtungen bezogen auf die Pandemie aufkommen und aus Studien wissen wir, dass sich posttraumatischen Störungen verschlimmern, wenn neue Krisen wie diese hier hinzukommen. Bei Patienten mit Suchterkrankungen erhöht unter anderem das Zuhausebleiben die Gefahr, wieder rückfällig zu werden, um nur einige Beispiele zu nennen. (Andreas Meyer-Lindenberg, Spektrum der Wissenschaft, 29.03.20)

Ist in der aktuellen Situation mit einem Anstieg der Suizidrate zu rechnen?

  • Krankheitsbedingte Antriebslosigkeit macht es depressiven Menschen generell schwer, ihren Tag zu strukturieren. Bricht wie während der Corona-Pandemie die äußere Ordnung von heute auf morgen weg, ist die Gefahr, dass psychisch Kranke an Stabilität verlieren, sehr groß.
  • Wenn zudem die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung nicht im gewohnten Rahmen stattfindet und auch hier kein Halt und keine Orientierung gefunden werden, stellt das eine besondere Belastung für depressive Menschen dar.
  • Zahlen und Fakten: Pro Quartal werden in Deutschland 2,5 Millionen gesetzlich Versicherte bei niedergelassenen Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie und Nervenheilkunde behandelt. Depressionen sind die Ursache für die meisten Suizide. Deshalb ist in diesen Zeiten auch im Sinne der Suizidprävention Betroffenen mit viel Achtsamkeit zu begegnen. Ein Anstieg der Suizidraten kann jedoch aktuell nicht belegt werden. Die notwendigen Statistiken werden erst in einigen Monaten vorliegen.

Das sagt der DGPPN-Experte:

Soziale Isolation ist ein wesentlicher Stressfaktor und kann psychische Störungen verstärken. Wenn die Kontaktsperre nur zwei Wochen bleibt, wird das für die allermeisten Betroffenen zu schaffen sein. Bei einer längeren Phase aber wird es schwierig: Therapeutische Praxen und psychiatrische Ambulanzen stellen derzeit zum Schutz vor Infektionen auf Telefon- oder Videoberatung um. Die Gefahr ist groß, dass schwer kranke Patienten den Verzicht auf den persönlichen Kontakt nicht lange aushalten. Zu befürchten ist, dass die Zahl der Suizide steigt, wenn die Kontaktsperre länger als zwei, drei Wochen anhalten sollte. (Andreas Heinz, Berliner Morgenpost, 29.04.20)

Inwiefern nehmen angesichts der Bedrohung durch die Corona-Pandemie Angstzustände zu?
  • Angst ist zunächst ein wichtiges körperliches Signal, das den Menschen vor Gefahren warnt und schützt. Treten Angstanfälle wiederholt in bestimmten Situationen, Orten oder Begegnungen auf, stehen sie in Verbindung mit einer Phobie. Panikattacken können Betroffene aber auch aus heiterem Himmel und scheinbar völlig grundlos überfallen. Der allgemein erhöhte Stresspegel in der aktuellen Krisensituation erhöht die Wahrscheinlichkeit von Unruhe und Panikattacken.
  • Zahlen und Fakten: In Europa leiden über 61,5 Millionen Menschen an einer Angsterkrankung, allein in Deutschland sind es fast zehn Millionen. Demnach gehören auch Angststörungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen.

Das sagt der DGPPN-Experte:

Eigentlich verspüren die Menschen nicht Angst, sondern Sorge. Wirkliche Angstzustände habe ich bei meinen Patienten erlebt, das kann bis zu einer Panikattacke führen. Da haben sie eine Enge in der Brust, ein Druckgefühl, Schmerzen, das Gefühl, dass man sterben könnte, jetzt. Herzrasen, Zittern, Schwitzen, Luftnot. Das hat im Moment ja kaum einer, wenn er oder sie Nachrichten liest. Da bekommt man vielleicht ein mulmiges Gefühl. (Borwin Bandelow, Verfasser der DGPPN-S3-Leitlinie Angststörung, Spiegel, 21.03.20)

Ist durch Corona mit einem Anstieg des Drogen- und Alkoholkonsums zu rechnen?

Während die negativen Folgen von Isolations- und Quarantänemaßnahmen insgesamt gut belegt sind, wissen wir zu bestimmten psychischen Aspekten wie dem Auftreten von Psychosen, Somatisierung, Suizidalität, Substanzmissbrauch und dem möglicherweise vermehrten Auftreten nicht stoffgebundener Süchte (zum Beispiel Computerspielsucht) wie auch zu Veränderungen im Sozialverhalten (Aggressivität und Reizbarkeit) bisher zu wenig. Siehe hierzu: Hintergrundpapier indirekte Gesundheitsfolgen der Pandemie

Das sagt der DGPPN-Experte:

Isolierte Menschen neigen dazu, mehr zu trinken, weil die soziale Kontrolle fehlt. Wir wissen, was daraus folgen kann: Die Hälfte aller Gewalttaten in Deutschland   geschieht unter Alkoholeinfluss. (Andreas Heinz, Berliner Morgenpost, 25.03.20)

Welche Alarmzeichen sind zu beachten, um einer psychischen Erkrankung durch Corona vorzubeugen?

Der Ausbruch des neuen Coronavirus macht vielen Menschen Angst. Die massiven Einschränkungen im Alltagsleben verstärken die psychische Belastung zusätzlich. Um mit der Krisen-Situation hilfreich umzugehen, ist es aber entscheidend, das seelische Gleichgewicht nicht zu verlieren. Die DGPPN hat fünf Empfehlungen zusammengestellt, die dabei helfen können.

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