23.09.2015 | PRESSEMITTEILUNG

Psychische Erkrankungen bei Flüchtlingen unterversorgt

Nach aktuellen Prognosen werden in diesem Jahr bis zu einer Million Flüchtlinge in Deutschland Schutz und Sicherheit suchen. Viele der ankommenden Menschen sind durch Krieg und Flucht traumatisiert und leiden an Posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen oder Angsterkrankungen. Trotz der großen Not ist die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung von Flüchtlingen und Asylsuchenden mit psychischen Erkrankungen in Deutschland unzureichend. Die DGPPN sieht deshalb dringenden Handlungsbedarf.

Zehntausende Frauen, Männer und Kinder nehmen zurzeit unsägliche Strapazen und Gefahren auf sich, um Krieg, Gewalt und Verfolgung zu entfliehen. Die Erfahrungen in den Krisengebieten und auf der Flucht können sich schwerwiegend auf die Psyche auswirken. „Neben Posttraumatischen Belastungsstörungen sind auch andere psychische Erkrankungen sehr häufig: Rund 60 Prozent der Flüchtlinge leiden an den Symptomen einer Depression oder Angsterkrankung. Sie benötigen dringend psychiatrisch-psychotherapeutische Hilfe, denn im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ist auch das Risiko für Suizid deutlich erhöht“, stellt PD Dr. Meryam Schouler-Ocak, Leiterin des DGPPN-Referates für Interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie sowie Migration, fest.

Trotzdem wird in Deutschland die EU-Aufnahmerichtlinie 2013/33 nicht umgesetzt. Die Richtlinie verlangt, dass eine besondere Schutzbedürftigkeit von antragstellenden Asylbewerbern erkannt wird, dazu zählt auch das Diagnostizieren psychischer Erkrankungen. „Flüchtlinge und Asylbewerber stoßen im medizinischen Versorgungssystem jedoch auf erhebliche sprachliche, kulturelle und administrative Zugangsbarrieren. Im Rahmen des Asylbewerberleistungsgesetzes ist eine psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung nur bei akuten Erkrankungen möglich. Hinzu kommt, dass die Betroffenen nach ihrer Ankunft in Deutschland weiteren Stressfaktoren ausgesetzt sind. Die unvertrauten Lebensumstände, die neue Wohnsituation und der unsichere Aufenthaltsstatus können die psychische Gesundheit weiter beeinträchtigen“, so PD Dr. Schouler-Ocak weiter.

Aus Sicht der DGPPN besteht deshalb dringender Handlungsbedarf. „Die Politik muss für Flüchtlinge und Asylsuchende umgehend einen adäquaten Zugang zum Gesundheitssystem schaffen und die EU-Aufnahmerichtlinie 2013/33 rasch umsetzen. Wir brauchen klare, leicht umsetzbare und unbürokratische Standards zur medizinischen und psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung. Gleichzeitig ist der regelhafte Einsatz von Sprach- und Kulturmittlern zu gewährleisten, um so die sprach- und kulturgebundenen Zugangsbarrieren zu senken“, fordert DGPPN-Präsidentin Dr. Iris Hauth. Aus Sicht der Fachgesellschaft lässt sich eine nachhaltige und alltagstaugliche Verbesserung der Versorgung der Flüchtlinge im ambulanten und stationären Bereich nur gewährleisten, wenn die Gesundheitsinstitutionen verbindliche Aktivitäten zur interkulturellen Öffnung entwickeln. Das Konzept der interkulturellen Öffnung muss daher direkt in die Organisations-, Personal- und Qualitätsentwicklung einfließen. 

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