Interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie, Migration

In Deutschland leben heute mehr etwa 17 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Sie repräsentieren rund 21 % der Bevölkerung. Dennoch ist das psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgungssystem bisher nicht ausreichend in der Lage, sie angemessen zu versorgen.

Der erste Eindruck täuscht: Menschen mit Migrationshintergrund bilden keine homogene Bevölkerungsgruppe. Sie sind aus unterschiedlichsten Gründen aus über 190 verschiedenen Ländern nach Deutschland gekommen. Vertreten sind alle Altersgruppen und Bildungsstatus. Wenn Migranten psychisch erkranken, benötigen sie daher eine psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung, die sich auf ihre besondere Lebenssituation einstellt. So wird professionelle interkulturelle Kompetenz von Ärzten, Therapeuten und Pflegenden immer wichtiger.

Doch trotz vielfältiger Bemühungen ist das psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgungssystem in Deutschland bisher nicht ausreichend in der Lage, psychisch erkrankte Migranten angemessen zu versorgen. Sprachliche und kulturelle Verständigungsschwierigkeiten erschweren den Zugang zu Informationen und Präventionsmaßnahmen, haben unpräzise bis fehlerhafte Anamnesen und Diagnosen zur Folge oder führen zu Problemen in der Therapie und Rehabilitation. Dadurch kommt es nicht nur zu unnötigen Mehrfachuntersuchungen oder erneuten Aufnahmen, es besteht auch die erhöhte Gefahr, dass die Erkrankungen chronifizieren. Das Referat „Interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie, Migration“ der DGPPN setzt sich deshalb seit vielen Jahren für bessere strukturelle Rahmenbedingungen ein.

Aktuelle Entwicklung

2015 lebten in Deutschland ca. 17,1 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug damit rund 21 %. Dem Mikrozensus 2015 nach stammen dabei rund 36,5 % aus sogenannten Gastarbeiteranwerbestaaten. 2014 wurden im Rahmen der aktuellen Flüchtlingsbewegungen 202.000 Erstanträge auf Asyl gestellt (BAMF 2015). 2015 schnellte die Zahl der geflüchteten Menschen, die nur in Deutschland registriert wurden, auf knapp 1.1 Millionen hoch – von denen konnten 442.000 einen Erstantrag auf Asyl stellen. Ein Jahr später stieg die Zahl der Erstanträge auf Asyl auf 722.370 an. Für Januar 2017 wurde die Anzahl von Asylanträgen mit 17.057 angegeben (BAMF 2017). Die größten Gruppen der Menschen, die einen Asylantrag stellen, stammen aus Syrien, Afghanistan und Irak. Werden die Zahlen der geflüchteten Personen zu denen der Personen mit Migrationshintergrund hinzugerechnet, liegt die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland bereits über 18 Millionen. Damit hat inzwischen jeder vierte bis fünfte Bürger in der Bundesrepublik einen Migrationshintergrund. 

Schwerpunkte
  • Organisation von Zusammentreffen von Psychiatern verschiedener Ländern
  • Förderung gemeinsamer Forschung
  • Entwicklung von Curricula und anderen Trainingsmaterialien für die Ausbildung von Medizinern, Pflegekräften und Sozialarbeitern
  • Förderung von Austauschprogrammen wissenschaftlicher und nicht-wissenschaftlicher Mitarbeiter mit Ländern in Übersee
  • Organisation von Veranstaltungen
Literatur
  • Bhugra D, Gupta S, Schouler-Ocak M, Graeff-Calliess I, Deakin NA, Qureshi A, Dales J, Moussaoui D, Kastrup M, Tarricone I, Till A, Bassi M, Carta M (2014) EPA Guidance mental health care of migrants. Eur Psychiatry 29(2):107-15
  • Schouler-Ocak M, Graef-Calliess IT, Tarricone I, Qureshi A, Kastrup M, Bhugra D (2015) EPA guidance on cultural competence training. Eur Psychiatry 30(3):431-40
Kontakt

Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak

Leiterin des Referats

Psychiatrische Universitätsklinik der Charité
St. Hedwig-Krankenhaus
Große Hamburger Str. 5-11 | 10115 Berlin

Telefon: 030 2311-2123
meryam.schouler-ocak@charite.de

PD Dr. med. Iris T. Graef-Calliess

Stellvertretende Leiterin des Referats

KRH Psychiatrie Wunstorf
Klinik für Allgemeinpsychiatrie und Psychotherapie
Südstr. 25 | 31515 Wunstorf

Telefon: 05031 93-1201
iristatjana.graef-calliess@krh.eu

Mehr erfahren