Mehr als jede vierte in Deutschland lebende Person hat heute eine Migrationsgeschichte, die Tendenz ist seit Jahren steigend. Die Berücksichtigung kultureller Aspekte in der Entstehung, Aufrechterhaltung und Behandlung von psychischen Erkrankungen ist von Bedeutung, soll eine gleichwertige Qualität der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung für Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte gewährleistet sein.
Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte bilden eine in sich heterogene Bevölkerungsgruppe. Sie können in Deutschland oder im Ausland geboren worden und in unterschiedliche kulturelle, soziale und sozioökonomische Kontexte eingebettet sein. Ihre Migrationsbiographien können sich stark unterscheiden. Der Migrationsprozess, seine Antezedenzien und Konsequenzen können kritische Lebensereignisse darstellen und das Risiko für die Entwicklung psychischer Erkrankungen erhöhen. Umso wichtiger ist eine psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung, die sich auf die besondere Lebenssituation dieser Personen einstellen und ihre Bedürfnisse individuell adressieren kann.
Strukturelle, rechtliche oder kulturelle Barrieren erschweren den Zugang zu Informationen, zu Präventions- und Interventionsmaßnahmen maßgeblich. So fehlt es in Deutschland beispielsweise noch immer an einer flächendeckenden Regelung zur Kostenübernahme von Sprachmittlungsleistungen, die innerhalb des Gesundheitssystems entstehen. Individuelle, institutionelle sowie strukturelle Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen, die Personen mit Migrations- und Fluchtgeschichte im Gesundheitssystem erleben, beeinträchtigen die Behandlungsqualität und schmälern nachweislich das Vertrauen dieser Personen ins Versorgungssystem. Zusätzlich schränken rechtliche Bedingungen den Zugang zur psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung vor allem für Geflüchtete stark ein.
Nichtbehandlung, unvollständige oder fehlerhafte Anamnesen und Diagnosen können die Folge sein, ebenso wie Probleme in Therapie und Rehabilitation, bis hin zu Behandlungsabbrüchen. Ein Muster so entstehender wiederholter, wenig nachhaltiger Kurzinterventionen und Mehrfachuntersuchungen verbraucht nicht nur Ressourcen, sondern erhöht auch die Gefahr einer Chronifizierung der Erkrankung.
Das Referat Interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie, Migration der DGPPN setzt sich deshalb seit vielen Jahren für faire und gleichberechtigte Rahmenbedingungen in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung von Personen mit Migrations- und Fluchtgeschichte ein.
DGPPN-Positionspapier 2024: Gesundheitliche Folgen bei der Verdoppelung der Asylleistungsbeschränkungen von 18 auf 36 Monate [PDF, 199 KB]
DGPPN-Positionspapier 2023: Sicherstellung der Rechte von Schutzsuchenden im Asylverfahren [PDF, 8,8 MB]
DGPPN-Positionspapier 2016: Psychosoziale Versorgung von Flüchtlingen verbessern [PDF, 330 KB]
DGPPN-Positionspapier 2012: Perspektiven der Migrationspsychiatrie in Deutschland [PDF, 119 KB]
Gerne berät das DGPPN-Referat Sie bei Fragen assoziiert zur Interkulturellen Psychiatrie und Psychotherapie. Über einen gemeinsamen E-Mail-Verteiler werden zudem regelmäßig Ankündigungen und hilfreiche themenbezogene Informationen verbreitet. In beiden Fällen wenden Sie sich bitte direkt an die Referatsleitung.