25.11.2016 | PRESSEMITTEILUNG

Psychiatrie, Ethik und Philosophie: die Gewinner des DGPPN-Preises Philosophie und Ethik 2016

Der DGPPN-Preis für Philosophie und Ethik in Psychiatrie und Psychotherapie geht in diesem Jahr an zwei Preisträger: Der erste Preis erhält der Philosoph Karsten Witt von der Universität Duisburg/Essen für seinen ethischen Essay, der zweite der Philosoph Markus Rüther vom Forschungszentrum Jülich für seine wissenschaftstheoretische Arbeit. Insgesamt waren 21 Bewerbungen eingegangen.

Beide Arbeiten sind nach Auffassung der interdisziplinär besetzten Jury herausragend. „Die Preisträger vermitteln disziplinübergreifend zwischen philosophischer Theorie und psychiatrischer Praxis. Ihre Arbeiten stellen einen wesentlichen Erkenntnisfortschritt dar. Sie knüpfen an aktuelle Debatten in der Philosophie der Psychiatrie an und führen diese produktiv weiter“, sagt Jury-Vorsitzender Prof. Dr. Martin Heinze. Der DGPPN-Preis für Philosophie und Ethik in Psychiatrie und Psychotherapie wird von der Fachgesellschaft in Verbindung mit der Stiftung für Seelische Gesundheit und dem Bonner Institut für Wissenschaft und Ethik vergeben. Das Preisgeld ist auf 6000 Euro dotiert und wird im Verhältnis von zwei zu eins zwischen dem ersten und zweiten Preisträger aufgeteilt.

Der Essay „Identity change and informed consent“, für den Karsten Witt den ersten Preis erhält, fragt nach den Möglichkeiten, bei einer Entscheidung für eine potenziell persönlichkeitsverändernde Behandlung. Dabei geht es darum, die gegenwärtige, durch die Persönlichkeit des unbehandelten Patienten geprägte Perspektive mit der wahrscheinlichen, mehr oder weniger veränderten Perspektive des späteren behandelten Patienten auszubalancieren. Im klinischen Alltag könnte es sich zum Beispiel um eine Tiefenhirnstimulation oder die Behandlung von M. Parkinson mit Elektroden handeln. Einerseits kann der Patient, wenn er sich für oder gegen die Behandlung entscheidet, nicht anders als auf der Grundlage seiner gegenwärtigen Präferenzen entscheiden. Andererseits wird er aber auch ein Interesse haben, vorgreifend die spätere Sichtweise zu berücksichtigen, aus der er seine Entscheidung möglicherweise rückblickend bedauert. Beeindruckend an der Arbeit ist die Präzision, mit welcher der Autor die verschiedenen Dimensionen solcher Entscheidungen begrifflich differenziert und gegeneinander abwägt, insbesondere mithilfe einer konsequenten Unterscheidung zwischen Lebensqualitäts- und Identitätsbewahrungspräferenzen. Damit fächert er das Thema der Bewertungsmaßstäbe für psychiatrische Therapieverfahren prinzipiell auf und gibt hilfreiche Anregungen, die auch auf andere Themenfelder der Ethik der psychiatrischen Praxis übertragbar sind.

Der Hauptverdienst des zweiten Preisträgers Markus Rüther und seiner Arbeit „Zwischen ethischer Neutralität und Dehumanisierung. Einige Überlegungen zu den praktischen Konsequenzen der biologischen Psychiatrie“ liegt nach Auffassung der Jury ebenfalls in der Differenziertheit, mit der er unterschiedliche Verständnisse von „biologischer Psychiatrie“ aufzeigt und ihre Stärken und Schwächen diskutiert. Eine prinzipielle Schwäche aller Formen einer sich ausschließlich als biologisch verstehenden Psychiatrie sieht der Autor in der Tatsache, dass sie sich, wie er an den Deklarationen einschlägiger Verbände belegt, einseitig durch ein naturalistisches Erklärungsprogramm für psychische Krankheiten definiert. Damit wird sie ihren eigenen werthaften Aspekten als Heilkunst nicht gerecht und verfehlt die normativen Anteile des Begriffs der psychischen Krankheit. Die Arbeit macht hier für die Wissenschaftstheorie der Psychiatrie hilfreiche philosophisch-orientierte kategorielle Vorschläge.


Hintergrund

Mit dem DGPPN-Preis für Philosophie und Ethik sollen Wettbewerbsbeiträge ausgezeichnet werden, die einer Themensetzung nachgehen, die nur im interdisziplinären Austausch beantwortet werden kann sowie über systematischen Anspruch und aktuelle Relevanz verfügen. Sie sollen zu einem Erkenntnisgewinn für Grundfragen der Psychiatrie und Psychotherapie einerseits, für die Philosophie (Medizinethik, Anthropologie und Wissenschaftstheorie), bzw. für die Geistes- und Sozialwissenschaften andererseits beitragen. Es wird eine theoretische Verbindung der genannten Bereiche erwartet und eine vorrangige Verwendung von geistes- oder sozialwissenschaftlichen Methoden. Mit der Durchführung des Wettbewerbs ist das DGPPN-Referat „Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie“ betraut.

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