„Menschen die noch hätten leben können“

Sonderausstellung der Sammlung Prinzhorn

Die Ausstellung „Menschen die noch hätten leben können“ zeigt einen ungewöhnlichen Querschnitt der Sammlung Prinzhorn: 150 sehr unterschiedliche Werke aus dem gesamten 20. Jahrhundert.  Was diese Werke verbindet? Sie wurden von Menschen geschaffen, die zu Opfern nationalsozialistischer Verbrechen wurden.

„Menschen die noch hätten leben können“ schrieb Elfriede Lohse-Wächtler 1932 in der Anstalt über eine ihrer Zeichnungen von Mitpatientinnen und-patienten. 1934 wurde sie zwangssterilisiert, 1940 von den Nationalsozialisten ermordet. Diese heute erschütternd hellsichtig anmutende Feststellung ist der Titel der neuen Sonderausstellung, mit der das Museum in Heidelberg der Opfer nationalsozialistischer (Medizin-)Verbrechen gedenkt. Vorgestellt wird das Leben und Werk von 24 Männern und Frauen. 

© Jochen Meyder, „Projekt 10 654“, 2014-2023 | Sammlung Prinzhorn Universitätsklinikum Heidelberg

In der Sammlung sind Werke bekannter Kunstschaffender der Sammlung wie Otto Stuß und Elfriede Lohse-Wächtler ebenso zu sehen wie Arbeiten Unbekannter, deren Werke erstmals ausgestellt werden. Die meisten Werke sind Teil der um 1920 von Hans Prinzhorn und Karl Wilmanns erweiterten Sammlung, ein kleinerer Teil wurde erst in den letzten Jahren in die Sammlung aufgenommen. 

Künstlerisch Spannendes, Innovatives steht hier neben dem Traditionellen und Unspektakulären. Doch alle Arbeiten geben einen lebendigen Eindruck von den Menschen hinter den Werken.

Neben einem Klassiker des Bestandes, der „Lufterscheinung“ von Otto Stuß sind unter anderem eine Auswahl der 1.800 Blumenpastelle der jüdischen Germanistin Hanna Hellmann zu sehen, die sie von 1939 bis 1942 in der Anstalt zeichnete, und auch plakative Porträts von NS-Persönlichkeiten, die Theodor Wagemann in den 1980er Jahren in einem Heim produzierte.

Die ausgestellten Arbeiten vermitteln einen Eindruck von den Persönlichkeiten hinter den Schöpfungen. Über sie ist eine Form der Annäherung an Opfer nationalsozialistischer Verbrechen möglich, die Zahlen, Fotos oder dürre Fakten nicht erlauben.  Die Ausstellung versteht sich insofern als einen Betrag zur Erinnerungskultur.

Forschung leistet wichtige Aufklärungsarbeit

Nach dem Fall der Mauer fanden Forschende einen Teil der Akten des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programms in einem Archiv der DDR-Staatssicherheit. Dieser Fund brachte die Forschung zu den Opfern ins Rollen. In den folgenden Jahren verbesserten sich die Forschungsmöglichkeiten weiter, indem beispielsweise Gedenkstätten ihre Opferlisten veröffentlichten. Dies hat sich auch auf die biografische Forschung in der Sammlung Prinzhorn ausgewirkt. 

2002 und 2003 konnten die Schicksale von 19 Euthanasieopfern mit Werken in der Sammlung in der Ausstellung „Todesursache: Euthanasie“ und dem gleichnamigen Katalog vorgestellt werden. Danach stieß die frühere Archivarin des Museums Sabine Hohnholz in ihren Recherchen auf weitere Opfer, neben „Euthanasie“-Opfern auch Zwangssterilisierte und Häftlinge von Konzentrationslagern. Eine interdisziplinäre Forschungsgruppe unter der Leitung des Kunsthistorikers PD Dr. Thomas Röske, Leiter der Sammlung Prinzhorn, und der Medizinhistorikerin Prof. Dr. Maike Rotzoll erforschte daraufhin Leben und Werke und erarbeitete gemeinsam die Ausstellung und den zugehörigen Katalog. Die DGPPN hat das Projekt finanziell unterstützt. 

Die Sonderausstellung ist vom 23. November 2023 bis zum 31. März 2024 in der Sammlung Prinzhorn zu sehen, einer Einrichtung des Universitätsklinikums Heidelberg.