8. Hauptstadtsymposium: „Ärztliche Psychotherapie: Warum, wie und für wen?“

Namhafte Experten referierten beim achten Hauptstadtsymposium der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) zum Thema „Ärztliche Psychotherapie: Warum, wie und für wen?“ am 5. Mai 2010 in Berlin. Der Einladung zur Erörterung aktueller Fragen der Psychotherapieversorgung in Deutschland folgten mehr als 50 Teilnehmer aus Ärzteschaft, Gesundheitspolitik und Medien.

DGPPN-Präsident Frank Schneider hielt den Eröffnungsvortrag

„Mit der Wahl des Themas  wollten wir den Stellenwert der ärztlichen Psychotherapie im Kanon der an der Psychotherapieversorgung beteiligten Berufsgruppen deutlich machen,“ so DGPPN-Präsident Professor Frank Schneider aus Aachen. Die Psychotherapieversorgung wird von einer Vielzahl unterschiedlichster Akteure wahrgenommen – von Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie, Fachärzten für Nervenheilkunde,  Fachärzten für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Psychologischen Psychotherapeuten, Allgemeinmedizinern und Fachärzten, die eine fachgebundene Psychotherapie anbieten. Ebenfalls in dem Feld tätig sind noch weitere Berufsgruppen wie Sozialarbeiter, Pädagogen, Theologen und Heilpraktiker. Gerade die ärztlichen Psychotherapeuten mit ihrer langjährigen Erfahrung im Umgang mit kranken Menschen, ihrem biopsychosozialen Verständnis von psychischen Erkrankungen sowie ihre Befähigung zur Verordnung von Medikamenten können eine umfassende und lückenlose Therapie psychisch Erkrankter sicherstellen, so Professor Frank Schneider in seinem Eröffnungsvortrag. 

Psychotherapie ist aus Medizin nicht wegzudenken

Professor Fritz Hohagen von der Universitätsklinik Schleswig-Holstein betonte in seinem Vortrag die besondere Wirksamkeit der Kombination von medikamentöser Behandlung und Psychotherapie, wenn es um die Behandlung psychischer Erkrankungen gehe. Dem Thema ärztliche Psychotherapie in der Psychosomatik widmete sich Professor Wolfgang Senf von der Universitätsklinik Duisburg-Essen. Psychotherapie sei immer ein Teil ärztlichen Handelns gewesen und aus der ärztlichen Disziplin nicht heraus zu lösen. Sie biete mit Screening, Diagnostik, Prävention, Krisenintervention, Vermittlung von Bewältigungsstrategien und Richtlinienpsychotherapie ein breites Spektrum an schulenübergreifender Behandlung.

Astrid Bühren hält die Psychotherapie in der ärztlichen Weiterbildung für wichtig

Ähnlich sah das auch Dr. Astrid Bühren als Mitglied der Ständigen Konferenz ärztlicher psychotherapeutischer Verbände (STÄKO): Die psychosomatische und psychiatrische Kompetenz aller Ärztegruppen müsse gestärkt werden. Die Sicherstellung ärztlicher Psycho-therapie ist daher besonders in der ärztlichen Weiterbildung und Nachwuchsförderung von Bedeutung. Hierzu gab Professor Ulrich Schnyder von der Universität Zürich Einblicke in die gängige Praxis der Facharzt- und der Psychotherapie-Weiterbildung in der Schweiz. Er schilderte die derzeitigen Bemühungen der Schweizer Kollegen, die Ausbildung von ärztlichen und psycho-logischen Psychotherapeuten zu reformieren. So werde beispielsweise in einem Züricher Modellvorhaben ausgelotet, wie die Psychotherapie-Weiterbildung stärker an die klinische Ausbildung angebunden werden kann. Das Modell zielt darauf ab, methoden-, schulen- und disziplinenübergreifend auszubilden. Professor Martin Bohus vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim ging in seinem Vortrag der Frage nach, wie das „Handwerk Ärztliche Psychotherapie“ gelernt werden könne. Er stellte ein methodenbasiertes Ausbildungsmodell vor. Ärztliche Psychotherapeuten bekämen einen Werkzeugkasten an psychotherapeutischen Techniken an die Hand, mit der sie spezifische Störungsbilder gezielt behandeln könnten.

Sabine Herpertz moderierte die Podiumsdiskussion. An ihrer Seite: Ulrich Schnyder (l.) und Wolfgang Senf (r.)

In der von Professor Sabine Herpertz, die auch die Veranstaltung organisiert hatte,  moderierten Abschlussdiskussion, wurden das Selbstbild und die Identität der Berufsgruppe der Ärztlichen Psychotherapeuten – insbesondere in Abgrenzung zu den Psychologischen Psychotherapeuten – noch einmal rege diskutiert: Ärztliche Psychotherapie hat ihren Platz innerhalb der medizinischen Fächer und ermöglicht es, den Patienten in seiner biologischen, psychischen und sozialen Vielfalt wahrzunehmen und unter Einbezug einer medikamentösen und sozio-therapeutischen Unterstützung zu behandeln. Der Psychotherapeut als Arzt kann somatische Symptome bei der Behandlung von psychischen Erkrankungen abklären und in die Diagnose einbeziehen.

Teilnehmer der Podiumsdiskussion waren u.a. Fritz Hohagen (l.), Martin Bohus, Ulrich Schnyder und Sabine Herpertz

Zusammenfassend wurde deutlich, dass die ärztliche Psychotherapie nicht aus der psychotherapeutischen Versorgungslandschaft wegzudenken ist und ihre Stärken in öffentlichen Diskussionen noch stärker herausgestellt werden müssen. Zudem wurden Forderungen nach einem gerechteren Vergütungssystem ärztlicher Psychotherapie gemäß ihrem Stellenwert an der psychotherapeutischen Versorgung laut.  Denn die  Berufsgruppe der Psychiater und Nervenärzte behandeln mit 72 Prozent einen Gros der psychisch Kranken und erhalten dafür nur ein Viertel der Gesamtausgaben [Quelle: Melchinger 2008: 42], dies nicht zuletzt deshalb, weil sich ihre psychotherapeutischen Leistungen im bestehenden Entgeltsystem nicht hinreichend abbilden lassen. Letztlich war es allen Beteiligten ein Anliegen klarzustellen, dass es ihnen dabei nicht auf eine Spaltung der an der Psychotherapieversorgung tätigen Berufsgruppen geht. Schließlich müsse man sich noch besser vernetzen, um Menschen mit psychischen Erkrankungen optimal zu behandeln und zu versorgen.

Literatur: Melchinger, H. (2008):Strukturfragen der ambulanten psychiatrischen Versorgung unter besonderer Berücksichtigung von Psychiatrischen Institutsambulanzen und der sozialpsychiatrischen Versorgung außerhalb der Leistungspflicht der Gesetzlichen Krankenversicherung. Gutachten im Auftrag Gutachten im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) erstellt.

Auf einen Blick

Datum: Mittwoch, 05.05.2010, 13.00 – 17.00 Uhr

Ort: Heinrich Böll Stiftung, Großer Saal 1 Schumannstraße 8, 10117 Berlin-Mitte

Veranstalter: DGPPN

Im Interview

Hören Sie Sabine Herpertz im Interview mit Christian Floto. Die Professorin sprach am 4. Mai 2010 im Deutschlandfunk zum Thema.