Bundestagwahl 2017: der Bedeutung psychischer Erkrankungen Rechnung tragen

Die aktuellen Gesundheitsreports der Krankenkassen zeigen: Psychische Erkrankungen zählen zu den größten Gesundheitsproblemen in Deutschland. Trotzdem ist das Versorgungs- und Rehabilitationssystem nicht so aufgestellt, wie es für die Betroffenen notwendig wäre. Die DGPPN sieht deshalb die Politik in der Pflicht, rasch und nachhaltig aktiv zu werden. Mit Blick auf die kommende Bundestagswahl im Herbst haben die politischen Parteien nun die Gelegenheit, die richtigen Weichen zu stellen. 

© Deutscher Bundestag/Alex Hartmann

Die von den Krankenkassen zu Beginn des Jahres veröffentlichten Krankenstandsanalysen führen deutlich vor Augen, wie einschneidend sich psychische Erkrankungen auf das Leben der Betroffenen auswirken. Im vergangenen Jahr haben sie mehr Fehltage verursacht als jemals zuvor. Zwar bleiben insgesamt weniger Menschen aufgrund von Depressionen und anderen psychischen Leiden ihrer Arbeit fern – doch die einzelnen Krankheitsverläufe dauerten dafür länger. Diese stehen nicht nur bei den Fehltagen an vorderster Stelle, mittlerweile geht auch jede zweite vorzeitige Berentung auf eine psychische Diagnose zurück. Nur 10 % aller Menschen mit einer chronischen psychischen Erkrankung sind in den ersten Arbeitsmarkt integriert. Trotzdem ist das Versorgungs- und Rehabilitationssystem in Deutschland noch nicht so aufgestellt, wie es für die Betroffenen notwendig wäre. Die DGPPN hat eine Reihe von Problemfeldern identifiziert, in denen dringender Handlungsbedarf besteht. Im Vorfeld der Bundestagswahl im kommenden Herbst richtet sich die Fachgesellschaft deshalb mit einer Reihe von politischen Forderungen an die verschiedenen Parteien. Das übergeordnete Ziel dabei ist klar: Den besonderen Bedürfnisse von Menschen mit psychischen Erkrankungen muss in allen Bereichen der Gesellschaft Rechnung getragen werden. Auf die einzelnen politischen Bereiche übertragen, ergeben sich daraus die folgenden Handlungsfelder.

Forschung langfristig und strukturell fördern

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse bieten die Möglichkeit, die Lebensqualität und Teilhabe der Betroffenen in allen Altersbereichen durch effektivere und individualisierte Therapien signifikant zu verbessern. Deshalb muss die Gesundheitsforschung über die Lebensspanne in Deutschland ausgebaut und strukturell gefördert werden. Die DGPPN fordert deshalb:

  • Weiterführung der BMBF-Förderung für das „Forschungsnetz zu psychischen Erkrankungen“
  • Strukturelle Forschungsförderung durch Einrichtung eines vernetzten „Deutschen Zentrums für psychische Erkrankungen“ (DZP) mit mehreren, kompetitiv ausgeschriebenen Standorten
  • Interessenunabhängige, öffentliche Förderung der Forschung zu neuen Formen psychotherapeutischer, biologischer sowie innovativer psychosozialer Behandlungsmethoden
  • Öffentliche Förderung der Versorgungs- und epidemiologischen Forschung zur bedarfsgerechten Planung und Umsetzung evidenzbasierter Diagnostiken und Therapiemethoden
  • Erhöhung der Forschungsförderung zur Erforschung der Ursachen von demenziellen Erkrankungen und deren Diagnostik und Therapie im Rahmen eines „Nationalen Aktionsplans Demenz“
Psychischen Erkrankungen nachhaltig vorbeugen

Angesichts des demografischen Wandels und der rapiden Veränderungen in der Arbeitswelt kommt dem Erhalt der psychischen Gesundheit eine zentrale Rolle zu. Die Wirksamkeit präventiver Interventionen bei psychischen Erkrankungen ist wissenschaftlich belegt – sie können etwa die Neuerkrankungsraten bei Depressionen um bis zu 50 % reduzieren. Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sind auch die Experten für Prävention. Die DGPPN fordert deshalb:

  • Aufnahme bestehender Strategien zur Prävention in einen Aktionsplan unter Berücksichtigung von Patientengruppen mit hohem Erkrankungsrisiko inklusive traumatisierter Menschen
  • Ausbau der ambulanten Versorgungsstrukturen sowie der vorhandenen gemeindenahen Präventiv- und Früherkennungszentren für psychische Erkrankungen
  • Stärkere Beachtung psychosozialer Risikofaktoren, insbesondere auch bei der betrieblichen Gesundheitsförderung
Menschen mit psychischen Erkrankungen bedürfnisgerecht versorgen

In Deutschland nehmen immer mehr Menschen medizinische Leistungen aufgrund von psychischen Erkrankungen in Anspruch. Das Versorgungssystem muss darauf reagieren und dabei den besonderen Bedürfnissen dieser Patientengruppe Rechnung tragen. Mit der Novellierung des Entgeltsystems für psychiatrische und psychosomatische Kliniken steht die stationäre Versorgung vor einer Neuausrichtung, doch entscheidende Fragen der Umsetzung sind noch ungeklärt. Auch in der ambulanten Versorgung besteht großer Handlungsbedarf: Patienten leiden unter langen Wartezeiten auf einen passenden Behandlungsplatz, die pauschale Vergütung für die ambulant tätigen Psychiater erlaubt kaum Zeit für therapeutische Gespräche und die morbiditätsunabhängige Bedarfsplanung verschärft bestehende Versorgungsungerechtigkeiten. Die DGPPN fordert deshalb:

  • Sicherstellung und Finanzierung der flächendeckenden leitliniengerechten ambulanten und stationären Versorgung von Menschen mit – insbesondere auch schweren und chronischen – psychischen Erkrankungen
  • Adäquate Finanzierung psychiatrisch-psychotherapeutischer – unterschiedlich intensiver und frequenter – Gesprächsleistungen in der ambulanten Versorgung außerhalb eines Quartalsbudgets
  • Schaffung eines gesetzlichen Rahmens für eine sektorenübergreifende Vernetzung aller beteiligten Berufsgruppen zur Förderung strukturierter, passgenauer und bedarfsgerechter Versorgungsangebote
  • Reformierung der (Methoden der) Bedarfsplanung für eine morbiditäts- und bedarfsorientierte Versorgung
  • Angemessene Finanzierung der ärztlichen Weiterbildung
Gesellschaftliche Teilhabe langristig sicherstellen

Die gegenwärtige Arbeits- und Erwerbssituation von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen ist kritisch. Jeder zweite Betroffene geht keiner Arbeit nach, weniger als 10 % sind in Voll- oder Teilzeitarbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt integriert. Ein substantieller Teil von Langzeitarbeitslosen ist psychisch krank. Die Integration in den ersten Arbeitsmarkt gelingt mit den gegenwärtigen Förderungsinstrumenten nicht ausreichend. Deutschland hat Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen und Behinderungen bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) bislang zu wenig berücksichtigt. Die DGPPN fordert deshalb:

  • Verbesserung der politischen Rahmenbedingungen für den Einsatz von gezielten psychosozialen Interventionen
  • Sektorenübergreifende Integration von Rehabilitationsmaßnahmen für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen in die psychiatrische Behandlung
  • Weitere Umsetzung der UN-BRK in Deutschland – auch und insbesondere für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen und Behinderungen
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