27.08.2006
Stellungnahmen 2006

Stellungnahme: Alternative und komplementäre Medizin psychischer Krankheiten

Im Zeitalter der Evidenz-basierten Medizin ist der Begriff Schulmedizin obsolet. Schulmedizin impliziert gerade durch Meinungen geprägtes Handeln. Evidenz-basierte Medizin bedeutet grundsätzlich durch Forschungsergebnisse geprägtes Handeln. Allerdings ist ärztliches Handeln immer noch überwiegend geprägt von Erfahrungs-„Wissen“, tradiertem „Wissen“, also Maßnahmen, deren Nutzen nicht methodisch adäquat bewiesen ist.


Stellungnahme Nr. 02 / 28. August 2006

Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN)

Alternative und komplementäre Medizin psychischer Krankheiten1

1 Die Psychiatrie 3 (2006) 171-173

Im Zeitalter der Evidenz-basierten Medizin ist der Begriff Schulmedizin obsolet. Schulmedizin impliziert gerade durch Meinungen geprägtes Handeln. Evidenz-basierte Medizin bedeutet grundsätzlich durch Forschungsergebnisse geprägtes Handeln. Allerdings ist ärztliches Handeln immer noch überwiegend geprägt von Erfahrungs-„Wissen“, tradiertem „Wissen“, also Maßnahmen, deren Nutzen nicht methodisch adäquat bewiesen ist.

Das gilt auch für die „Erfahrungsmedizin“, die zum Teil für sich als „sanfte Medizin“ wirbt. Komplementäre Medizin umfasst dabei Verfahren, die sich nicht in Widerspruch zur Evidenz-basierten Medizin begeben wollen, sondern diese ergänzen wollen (z.B. Naturheilkunde). Alternativmedizin beansprucht demgegenüber vom naturwissenschaftlichen Ansatz abweichende, nach Kriterien der Naturgesetze nicht plausible Konzepte. In der Praxis und Selbsteinstufung der Verfahren wird dieser Unterscheidung allerdings nicht durchgehend gefolgt.

Die Zahl der Verfahren ist groß und wachsend. Die Verfahren sind letztlich nicht abschließend zu erfassen. Das Spektrum reicht von traditionellen Verfahren aus dem Bereich der Volksmedizin verschiedenster Kulturen bis zu esoterischen Ansätzen. Komplementäre und alternative Verfahren gehören zu den wesentlichen Angeboten der Heilpraktiker.

Gängige Beispiele (in alphabetischer Folge) sind Therapie mit Akupunktur, Anthroposophie, Ayurveda, Bach-Blüten, Biochemie nach Dr. Schüßler (1821–1898), Bioresonanz (von dem Arzt und Scientologen Dr. med. Franz Morell im Jahre 1977 gemeinsam mit dem Elektronik-Ingenieur Erich Rasche als MORA-Therapie entwickelt), BowenTherapie (geht auf den Australier Thomas A. Bowen (1916-1982) zurück), Elektroakupunktur, Energiearbeiten (auch "energetische Medizin" genannt, Lebensenergie im Sinne "Mana" (Hawaii), "Chi" (China), "Ki" (Japan), "Prana" (Indien), "Pneuma" des antiken Griechenland), Geistiges Heilen, Homöopathie (Similia similibus curentur des Dr. Christian Friedrich Samuel Hahnemann (17551843), Huna (Naturreligion der Ureinwohner Hawaiis), Kinesiologie (Harmonisierung der Meridianenergien anhand von Muskeltesten), Lightbody (Lichtkörper, Aura; miteinander "in Resonanz gehen"), Lymphdrainage, Magnetfeldtherapie, Naturheilkunde (ganzheitlicher Ansatz unter Verwendung der klassischen Interventionen Ernährungstherapie, Ordnungstherapie, Bewegungstherapie, Hydround Thermotherapie sowie Phytotherapie), Naturschlafzeit, Neuraltherapie,Osteopathie, Prana, Radiästhesie (Überprüfung der körperlichen Ausstrahlung), Radionik (Kombination aus "Radiästhesie" und "Elektronik"), Reflexzonen, Reiki (alte tibetanische Methode, sich mit der Universellen Lebensenergie zu verbinden), Rückführung (Reinkarnationslehre), Shiatsu (Akkupressur), Speläotherapie (Stollentherapie oder Untertage-Klimatherapie), Steinheilkunde (Heilen mit Steinen), traditionelle chinesische Medizin (TCM).

Die verschiedenen Verfahren weisen z.T. elaborierte Binnendifferenzierungen auf, mit denen spezifische Wirkungen bei spezifischen Indikationen erreicht werden

sollen, so dass die dahinter stehenden Schulen Wirksamkeit bei vielfältigen – auch psychischen – Krankheiten beanspruchen.

Alternativ-/Komplementärmedizin wird weltweit zunehmend nachgefragt. Dies gilt insbesondere bei Krebserkrankungen. In der Schweiz wurden – zunächst befristet TCM, Anthroposophische Medizin, Homöopathie, Neuraltherapie, Phytotherapie in den Leistungskatalog der Krankenversicherung aufgenommen. In der Schweiz gibt es seit 1994 zwei Lehrstühle für Komplementärmedizin: die Kollegiale Instanz für Komplementärmedizin (KIKOM) der Universität Bern, die sich den o.g. Verfahren widmet, sowie den Lehrstuhl für Naturheilkunde der Universität Zürich. In den USA wird die Erforschung von Komplementär-und Alternativmedizin (CAM) durch das National Center for Complementary and Alternative Medicine (NCCAM) gefördert. In Deutschland gibt es derzeit drei nach § 108 SGB V zugelassene Kliniken für Naturheilkunde.

Astin (1998) fand als Prädiktoren für die Nachfrage von Komplementärmedizin: bessere Schulbildung, schlechterer Gesundheitszustand, weibliches Geschlecht, ganzheitliche Einstellung zur Gesundheit, transformierende biographische Erfahrung mit Wandel der Weltanschauung des Patienten, Angst, Rückenschmerzen, chronische Schmerzen, ökologisch ausgerichtete Grundeinstellung, Feminismus, Interesse an Spiritualität, aber nicht Unzufriedenheit mit der naturwissenschaftlich fundierten Medizin.

Auf der Basis von Repräsentativbefragungen gab Ernst (2000) folgende Einjahresprävalenzen für die Inanspruchnahme von komplementär-oder alternativmedizinischen Maßnahmen an: Deutschland 65%, Canada 59%, Frankreich 49%, Australien 49%, USA 42%, Schweiz 40%. Die Akzeptanz von Naturheilverfahren hat gemäß einer Repräsentativerhebung des Allensbach-Institutes in Deutschland von 52% im Jahr 1970 auf 73% im Jahr 2002 zugenommen (Dixon et al. 2003). Die Zahl der Vertragsärzte mit Spezialisierung auf Naturheilverfahren/Homöopathie hat von 4374/2400 im Jahr 1995 auf 8241/ 3677 imJahr 2002 zugenommen. Die Zahl der Ärzte, die eines dieser Verfahren einsetzen, hat sich von 1993 bis 2001 wahrscheinlich verdoppelt (Dixon et al. 2003). Im Deutschen Gesundheitssurvey hatten 3,6% in den zurückliegenden 12 Monaten einen Heilpraktiker konsultiert, 7% einen Arzt mit Spezialisierung auf Chiropraxis, Homöopathie oder Naturheilverfahren (Dixon et al. 2003). 9,1% der Vertragsärzte weisen eine dieser Spezialisierungen aus. Die Securvita-Betriebskrankenkasse hat sich gezielt mit komplementärmedizinischen Leistungen positioniert.

Münstedt et al. (2000) fanden in einer Umfrage, dass 53% der Ärzte in Deutschland unkonventionelle Methoden bei Krebspatienten verordneten. Die wichtigste Motivation des Arztes war der Wunsch des Patienten (67%). Wesentliche Attraktivität ergibt sich aus der Vorstellung, in einem „ganzheitlichen“ Ansatz Krankheit durch Förderung der Gesundheit im Sinne der Salutogenese (Antonovsky 1997) heilen oder lindern, die Krankheit „bewältigen“ zu können. Alternativ-und komplementärmedizinische Verfahren scheinen also ein Bedürfnis nach „Psychotherapie“ im weiteren Sinne zu befriedigen.

Anscheinend werden die dahinter stehenden spirituellen Bedürfnisse von einer als „technokratisch“ erlebten „Schulmedizin“ unzureichend befriedigt, auch zum Nachteil des Kranken. Sie hat ihre Wurzeln in der Naturheilkunde und die suggestive Bedeutung der „Droge Arzt“ vergessen. Über die wirksamen Therapeutenmerkmale

(u.a. Kommunikationskompetenz) ist einige Evidenz bekannt; sie zum Nutzen der Kranken einzusetzen, müßte verstärkt Inhalt der Aus-und Weiterbildung sein.

Im Jahre 2004 hat die American Psychiatric Association ein Projekt zur Frage des Einsatzes komplementärer, alternativer und integrativer Ansätze in der Versorgung psychisch Kranker aufgelegt. Angestrebt wird, Psychiater und andere an der Versorgung psychisch Kranker Beteiligte im Evidenz-basierten Einsatz (das meint die höchst verfügbare Evidenz) solcher Verfahren zu unterweisen, prioritäre Forschungsfelder zu identifizieren und Daten über Einstellungen und Handeln der Psychiater zu gewinnen. Hintergrund für die Initiative war, dass gemäß Patientenbefragungen 60% der psychisch Kranken, insbesondere derer mit schweren Angststörungen oder Depressionen, komplementäre oder alternative Verfahren nutzen und die meisten dies ihrem Hausarzt oder Psychiater verheimlichen.

Über die Inanspruchnahme komplementärer oder alternativer Verfahren speziell durch psychisch Kranke in Deutschland ist anscheinend nichts bekannt. Grundsätzlich ist zu erwarten, dass sie weitgehend derjenigen der Allgemeinbevölkerung entspricht.

Wenn also tatsächlich schätzungsweise zwei Drittel der Bevölkerung und mutmaßlich auch der psychisch Kranken komplementäre Verfahren begrüßen und diese für den Arzt ökonomisch attraktiv sind, so muß sich die von medizinischen Fachgesellschaften vertretene wissenschaftliche Medizin dazu positionieren.

Eine permissive Haltung gegenüber komplementären oder alternativen Verfahren womöglich mit dem Argument, ohnehin sei ärztliches und hier psychiatrischpsychotherapeutisches Handeln über weite Strecken nicht Evidenz-basiert, wäre schwerlich tragfähig. Gerade bezüglich der Psychotherapie und Psychopharmakotherapie wurde in den letzten Jahren ein beachtliches Evidenzniveau erreicht.

Daran müssen sich Verfahren der komplementären oder alternativen Medizin messen, wenn sie bei psychischen Krankheiten eingesetzt werden sollen. Dabei bedürfen psychisch Kranke – wie auch vom Gesetzgeber in § 27 SGB V anerkannt („Bei der Krankenbehandlung ist den besonderen Bedürfnissen psychisch Kranker Rechnung zu tragen ...“) –eines besonderen Schutzes.

Medizinische Leistungen dürfen zu Lasten der Krankenversicherung grundsätzlich nur erbracht werden, wenn ihre Wirksamkeit und Unbedenklichkeit erwiesen ist. Das muß ebenso gelten, wenn komplementär-oder alternativmedizinische Leistungen als individuelle Gesundheitsleistungen („IgeL“) – derzeit im wesentlichen außerhalb der für gesetzlich Versicherte geltenden Budgets – erbracht werden sollen. Wenn der Bürger für solche Leistungen bezahlt, dann muß dem Geldwert mit Wahrscheinlichkeit ein gesundheitlicher Gewinn gegenüber stehen. Diese Wahrscheinlichkeit kann nur in methodisch dem Stand der Wissenschaft entsprechenden Studien ermittelt werden.

Es wäre also wünschenswert, dass sich die Wissenschaft – dem o.g. Vorbild der American Psychiatric Association folgend – der komplementär-und alternativmedizinischen Verfahren annimmt. Solche Forschung benötigt Ressourcen. Diese Forschung könnte nicht die gesamte Vielfalt der Angebote bearbeiten, sondern hätte sich prioritär den bevorzugt nachgefragten Verfahren zu widmen. Dabei müßte es nicht nur oder primär um Fragen der Wirksamkeit und Unbedenklichkeit gehen, sondern auch der Frage spezifischer und unspezifischer Wirkmechanismen, inwieweit also z.B. das eigentlich wirksame Agens – so denn vorhanden – in bestimmten Therapeutenvariablen zu suchen ist. Damit könnte auch ein Beitrag zur Entmystifizierung bestimmter Verfahren geleistet und die Integration einer auch spirituelle Bedürfnisse befriedigenden Arzt-Patienten-Beziehung in die wissenschaftliche Medizin gefördert werden.

Literatur:

  • Antonovsky A. Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen: dgvt-Verlag; 1997
  • Astin JA. Why patients use alternative medicine: results of a national study. JAMA 1998;279:1548–53
  • Dixon A, Riesberg A, Weinbrenner S, Saka O, Le Grand J, Busse R: Complementary and Alternative Medicine in the UK and Germany -Research and Evidence on Supply and Demand. Anglo-German Foundation for the Study of Industrial Society 2003
  • Ernst E: The role of complementary and alternative medicine. BMJ 2000;321;11331135
  • Munstedt K, Entezami A, Wartenberg A, Kullmer U. The attitudes of physicians and oncologists towards unconventional cancer therapies (UCT). Eur J Cancer 2000;36: 2090–5

Autoren der Stellungnahme:

Prof. Dr. med. Jürgen Fritze
Gesundheitspolitischer Sprecher Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN)
Asternweg 65
50259 Pulheim

Prof. Dr. med. Fritz Hohagen
Präsident Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN)
Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Universität zu Lübeck
Ratzeburger Allee 160
23538 Lübeck

 

Download:

stn-2006-08-28-alternative-komplementaere-medizin.pdf [56KB]