12.03.2012
Stellungnahmen 2012

Stellungnahme Nr. 6 / 12.03.2012

Stellungnahme
der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN),
des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte und
des Berufsverbands Deutscher Psychiater zur

Sicherstellung des fachärztlichen Nachwuchses – keine Abschaffung des Wahltertials im PJ

Die Fachgesellschaft DGPPN sowie die Berufsverbände BVDN und BVDP sehen die geplante Abschaffung des Wahltertials im Praktischen Jahr der Medizinerausbildung durch die Landesgesundheitsministerien äußerst kritisch. Selbstverständlich sind Initiativen zur Stärkung des Nachwuchses in der Allgemeinmedizin zu begrüßen. Jedoch darf diesen Bestrebungen nicht die Möglichkeit praktischer medizinischer Erfahrungen in einzelnen Fachdisziplinen zum Opfer fallen.

Fachärztliche Nachwuchsgewinnung unabdingbar
Medizinstudierende erfahren oftmals erstmals im Wahltertial, wie spannend die einzelnen Fachdisziplinen sind. Viele von ihnen entscheiden sich erst während bzw. nach dieser Zeit für eines der medizinischen Fächer. Gerade der persönliche Kontakt mit Fachärzten und Patienten im Wahltertial ist enorm wichtig, um ausreichend praktischen Einblick in die Fächer zu erlangen. Insofern wäre es ein nahezu fatales Signal, wenn die Berührungspunkte für Medizinstudierende mit den psychiatrisch-psychotherapeutischen Fächern, aber auch mit anderen Fachdisziplinen, einseitig zugunsten der Allgemeinmedizin reduziert würden. Nur wenn wir mehr Fachärzte ausbilden, kann der Versorgungsbedarf einigermaßen gedeckt werden. Die fachärztliche Nachwuchsgewinnung ist daher aktuell und zukünftig wichtiger denn je. Psychiatrie und Psychotherapie sind im Medizinstudium – gemessen an deren Bedeutung – leider immer noch nicht ausreichend in Lehre und Praxis vertreten. Durch Einschränkung der Einblicksmöglichkeiten und praktischen Erfahrungen droht den Fächern ein massiver Einbruch an Weiterbildungsassistentinnen und -assistenten.

Selbstverständlich ist die Sicherstellung der allgemeinärztlichen Versorgung ein notwendiger Bestandteil des Versorgungssystems in Deutschland. Jedoch kann und darf die Zeit des praktischen Jahres aus Sicht der Fachgesellschaft und Berufsverbände nicht vollständig verpflichtend vorgeben werden.

Bedeutung psychischer Erkrankungen
Psychische Erkrankungen gewinnen aktuell weltweit an Bedeutung. Dies betrifft sowohl die Prävalenz verschiedener Erkrankungsbilder, die Nachfrage nach Diagnostik und Therapie als auch die gesundheitsökonomische Perspektive. Die Fallzahlen vollstationärer Patienten in Krankenhäusern nahmen für die Diagnosegruppe der psychischen Erkrankungen zwischen 1994 und 2009 um 50 % zu (Abb. 1) und stiegen somit überproportional im Verhältnis zu der Anzahl der gesamten Krankenhausfälle. Im Vergleich zu ausgewählten Krankheitsgruppen steht diese Gruppe somit an 2. Stelle der Erkrankungsgruppen mit dem größten zu verzeichnenden Zuwachs (Abb. 2). Durch diesen rapiden Anstieg kann die Versorgung psychisch Kranker durch die Anzahl der Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, Nervenärzte und Fachärzte für Psychosomatische Medizin in den letzten Jahren immer weniger flächendeckend gewährleistet werden.

Eine jüngst publizierte Kombination von publizierten epidemiologischen Studien durch den European Brain Council (EBC) und das European College of Neuropsychopharmacology (ECNP) zur Relevanz von psychischen und neurologischen Störungen in Europa (Wittchen et al. 2011, Gustavsson et al. 2011) zeigte, dass die Belastungen durch psychische und neurologische Erkrankungen bisher massiv unterschätzt wurden. Im Berichtsjahr waren demnach 38 Prozent aller Einwohner der EU (plus Schweiz, Norwegen, Island)  an einer klinisch bedeutsamen psychischen Störung erkrankt:

  • Die häufigste neuropsychiatrische Störung sind dabei Kopfschmerzen, die zeithäufigsten Angstkrankheiten, Schlafstörungen und unipolare Depression;
  • die belastendsten unter den psychischen und neurologischen Erkrankungen (im Sinne des kumulativen Verlustes an qualitätsadjustierten Lebensjahren) sind unipolare Depressionen gefolgt von, Alkoholkrankheiten, Demenzen und Schlaganfall;
  • die teuersten dieser Erkrankungen (Gesamtkosten, direkte plus indirekte Kosten) sind affektive Störungen (inkl. unipolare Depression), gefolgt von Demenzen und Psychosen.

Die Zusammenschau der in dieser Studie ausgewerteten Daten zeigen zudem, dass psychische und neurologische Störungen zusammen für 26 Prozent der gesellschaftlichen Gesamtbelastung durch Krankheiten in der EU verantwortlich sind. Damit sind Erkrankungen des Gehirns vor Krebs- und Herzerkrankungen die häufigsten und am meisten belastenden Erkrankungen.

Im Detail ergab der Survey weiterhin, dass

  • höchstens ein Drittel aller Betroffenen in der EU irgendeine Therapie erhalten,
  • die Behandlung meist erst Jahre nach Krankheitsbeginn startet und oft nicht den minimalen Anforderungen an eine adäquate Therapie entspricht,
  • nur rund zehn Prozent der Therapien „minimal adäquat“ sind,
  • die Versorgung sich seit 2005 nicht wesentlich verbessert hat.
  • Im letzten Jahrzehnt hat sich sowohl durch beachtliche Erfolge in der Aufklärungs- und Antistigmatisierungsarbeit, als auch in der Erforschung, der Diagnostik und der Therapie psychischer Erkrankungen, sehr viel getan. Die Gesellschaft geht spürbar offener mit psychischen Erkrankungen um; mehr und mehr Menschen mit psychischen Problemen entscheiden sich für bzw. bekennen sich offen zur Inanspruchnahme einer stationären oder ambulanten Behandlung durch einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, einen Nervenarzt oder einen Hausarzt.

Abb. 1 Krankenhausfälle nach ICD-10-F-Diagnosen und Krankenhausfälle insgesamt 1994–2009 (zusammengestellt aus Daten des Statistischen Bundesamtes)

Sicherstellung der Versorgung psychisch kranker Menschen
Zwar verzeichnet das Fach Psychiatrie und Psychotherapie im Vergleich zu anderen Fächern einen höheren Zulauf. Die Zahl der Psychiater nimmt in den letzten 15 Jahren kontinuierlich zu. Doch auch in Zukunft wird sich der allgemeine Ärztemangel im Fach bemerkbar machen. Bereits jetzt bleiben viele offene Stellen im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie unbesetzt. Vor allem die ambulante und stationäre Versorgung in ländlichen Regionen ist gefährdet. Seit Jahren verschlechtern sich die Rahmenbedingungen dramatisch, unter denen niedergelassene Psychiater und Nervenärzte psychisch kranke Patienten behandeln müssen. Der vertragsärztliche Sicherstellungsauftrag ist dadurch in zunehmend mehr Regionen Deutschlands nicht mehr ausreichend erfüllt bzw. erfüllbar. Konsequenzen dieser Entwicklung sind Aufgabe von Praxen, Reduzierung des Leistungsumfanges sowie teilweise Umwandlung von überwiegend psychiatrisch ausgerichteten Praxen in Psychotherapiepraxen. Dies hat regional bereits zu erheblichen Engpässen in der Versorgung geführt, die sich kurz- bis mittelfristig dramatisch verschärfen werden, wenn keine Gegensteuerung erfolgt (Schneider et al. 2011).

Abb. 2 Entwicklung der Fallzahlen vollstationärer Patienten der Krankenhäuser für ausgewählte Diagnosegruppen zwischen 1994 und 2009 (zusammengestellt aus Daten des Statistischen Bundesamtes)

Keine einseitige Bevorteilung von einzelnen Disziplinen – alle Akteure in der Pflicht
Sowohl die Bundes- und Landespolitik als auch die Krankenkassen sind gefordert, der besonderen Bedeutung psychischer Erkrankungen durch gezielte Maßnahmen Rechnung zu tragen. Nur so kann die Versorgung psychisch Kranker auch zukünftig gewährleistet werden. Notwendig sind langfristige Nachwuchsprogramme, die die Attraktivität des Arztberufes wieder steigern und somit eine Abwanderung von Ärzten in andere Berufe oder ins Ausland zu verhindern. Interdisziplinäre Lösungsansätze sind aus Sicht der Fachgesellschaften und Verbände dabei genauso wichtig wie fachspezifische Förderprogramme.

Autoren der Stellungnahme: P. Falkai (Göttingen), F. Bergmann (Aachen), W. Maier (Bonn), C. Roth-Sackenheim (Andernach), F. Schneider (Aachen)

Literatur
Bundesärztekammer (1995–2011) Ärztestatistik der Bundesärztekammer (Jahrgang 1994–2010). Resource document. Bundesärztekammer. http://www.bundesaerztekammer.de/page.asp?his=0.3. Zugegriffen: 23. Okt. 2011

Bundesministerium für Bildung und Forschung (2010) Vorhabenübersicht 2010. (Angaben der Website entnommen). http://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/341.php. Zugegriffen: 14. Dez. 2010

IGES – Institut für Gesundheits- und Sozialforschung GmbH (2007) Strukturen und Finanzierung der neurolo-gischen und psychiatrischen Versorgung. Gutachten für den Berufsverband Deutscher Nervenärzte e. V. (BVDN), den Berufsverband Deutscher Neurologen e. V. (BDN) und den Berufsverband Deutscher Psychiater e. V. (BVDP). Recource dokument. BVDP. http://www.bv-psychiater.de/main/show_artikel.php?id=818. Zugegriffen: 14. Dez. 2010

Mathers CD, Loncar D (2006) Updated projections of global mortality and burden of disease, 2002–2030: data sources, methods and results. Public Library Sci Med 3 (11): e442

Schneider F, Falkai P, Maier W. Psychiatrie 2020. Perspektiven, Chancen und Herausforderungen. Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag; 2011.

Statistisches Bundesamt (1992–2010, Erscheinungsfolge: jährlich) Grunddaten der Krankenhäuser, Jahrgänge 1990–209. Fachserie 12, Reihe 6.1.1. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden

Wittchen HU, Jacobi F, Rehm J, Gustavsson A, Svensson M, Jönsson B, Olesen J, Allgulander C, Alonso J, Faravelli C, Fratiglioni L, Jennum P, Lieb R, Maercker A, van Os J, Preisig M, Salvador-Carulla L, Simon R, Steinhausen HC (2011). The size and burden of mental disorders and other disorders of the brain in Europe 2010. Eur Neuropsychopharmacol. 21(9): 655-79

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