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23.06.2013

Schieflage in der Versorgung psychischer Erkrankungen

Alarmierende Entwicklung: Für Menschen mit psychischen Erkrankungen wird es in Deutschland immer schwieriger, die ihnen zustehende medizinische Behandlung zu erhalten. Die Versorgungslage ist schon heute angespannt. Die zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitssystems und der demographische Wandel werden die Situation in Zukunft zusätzlich verschärfen. Hinzu kommt die anhaltende Unterbewertung von ärztlichen Gesprächsleistungen außerhalb der Richtlinienpsychotherapie. Auf ihrem Hauptstadtsymposium „Psychisch Kranke – Stiefkinder des Gesundheitswesens?“ fordert die DGPPN Politik und Selbstverwaltung deshalb auf, aktiv zu werden und die Weichen richtig zu stellen.

In der stationären Versorgung psychisch erkrankter Menschen ist es in den letzten zehn Jahren zu einer deutlichen Leistungsverdichtung gekommen. Die Fallzahlen haben sich erhöht, während die Verweildauer zurückgegangen ist. Für zusätzlichen Druck sorgt der vom Bundesgesundheitsministerium durchgesetzte PEPP-Entgeltkatalog, der auf so genannten Tagespauschalen basiert. Diese nehmen mit zunehmender Dauer des Klinikaufenthaltes ab – was in keiner Weise dem diagnostischen und therapeutischen Bedarf entspricht. DGPPN-Präsident Professor Wolfgang Maier stellt fest: „Psychisch erkrankte Menschen benötigen im Erkrankungsverlauf unterschiedliche Behandlungsintensität. Oft kommt es erst zu einem späteren Zeitpunkt zu Krisen. Doch deren Behandlung ist im System nicht angemessen berücksichtigt. Genauso ungenügend sind die Aufwände für die Entlassungsphase abgebildet, obwohl für die Wiedereingliederung im Alltag oftmals eine intensive Begleitung notwendig ist.“ Die Behandlung psychisch erkrankter Menschen braucht qualifiziertes Personal mit ausreichend Zeit für Gespräche. Schon heute führt die Unterfinanzierung zu spürbaren Engpässen an den psychiatrischen Kliniken. Aus Sicht der DGPPN muss ein zukunftsfähiges Entgeltsystem flexibel sein, das gesamte Spektrum sektorübergreifender Behandlungsmaßnahmen zu berücksichtigen. 

Prekär ist die Situation auch im ambulanten Bereich: Menschen mit psychischen Erkrankungen müssen oftmals mehr als drei Monate auf einen Facharzttermin oder Psychotherapieplatz warten. Grund dafür ist ein Ungleichgewicht im Vergütungssystem: Während ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie für die Behandlung eines Patienten im Quartal pauschal – auch bei mehrfachen Gesprächsleistungen – 45 € zur Verfügung hat, wird eine einzelne Therapiestunde in der rein psychotherapeutischen Behandlung mit 80–90 € honoriert. Dadurch arbeiten immer mehr niedergelassene Psychiater ausschließlich als ärztliche Psychotherapeuten – und fehlen in der fachärztlichen Versorgung. Leidtragende sind insbesondere Schwerkranke, die eine umfassendere Behandlung benötigen. Dr. Frank Bergmann, Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte und Mitglied des Vorstands der DGPPN, fordert rasche und nachhaltige Maßnahmen: „Die Vergütung für Fachärzte im ambulanten Bereich muss auf Einzelleistungsbasis erfolgen, nur so können wir die Unterversorgung in den Griff bekommen. Gleichzeitig müssen wir die Zusammenarbeit zwischen Hausärzten, Fachärzten, Psychotherapeuten und Pflege verbessern.“

 

Kontakt

Prof. Dr. med. Wolfgang Maier
Präsident DGPPN
Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie 
der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn 

DGPPN-Geschäftsstelle
Reinhardtstraße 27 B
10117 Berlin
Tel.: 030.2404 772-11
Fax.: 030.2404 772-29
E-Mail: pressestelle[at]dgppn.de

Download
DGPPN-Presseinformation: Schieflage in der Versorgung psychischer Erkrankungen (PDF; 195 KB)

DGPPN-Positionspapier: Psychisch erkrankt: gesundheitspolitische Anforderungen an eine bedarfsgerechte Behandlung im richtigen Umfeld (PDF; 214KB)