Pollmächer: Neue Versorgungsmodelle im stationären Sektor
Statement von Prof. Dr. med. Thomas Pollmächer, Ingolstadt, Mitglied im Vorstand DGPPN und Geschäftsführender Vorstand Bundesdirektorenkonferenz (BDK), im Rahmen des Presse-Round-Tables am 25.11.2011 zum Thema "Versorgungsforschung und Versorgungsrealität: Welchen Stellenwert haben Patientinnen und Patienten in der Gesundheitspolitik?"
Presse-Information 25.11.2011
Versorgungsforschung und Versorgungsrealität
Statement von
Prof. Dr. med. Thomas Pollmächer, Ingolstadt
Mitglied im Vorstand DGPPN und Geschäftsführender Vorstand
Bundesdirektorenkonferenz (BDK)
Neue Versorgungsmodelle im stationären Sektor
Fast 30 Jahre vor Einführung der DRGs und der Formulierung erster Ansätze zur Überwindung sektoraler Grenzen in der somatischen Medizin durch die gesetzliche Verankerung der integrierten Versorgung, hat die deutsche Psychiatrie damit begonnen ein moderndes, gemeindenahes Versorgungssystem zu etablieren, welches eine differenzierte Behandlung durch das Krankenhaus unter Nutzung stationärer, teilstationärer und ambulanter Behandlungsansätze besonders und gerade für schwer und chronisch psychisch Kranke erlaubt.
Mittlerweile sind die Ziele der Enquete für diese Patienten prinzipiell erreicht; die Zahl psychiatrischer Krankenhausbetten konnte halbiert werden, die Verweildauern im Krankenhaus betragen weniger als ein Drittel des Wertes in den 1980er Jahren. Was für diese Patientengruppe noch nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung steht, sind gut vernetzte komplemetäre ambulante Hilfsangebote und in einem gewissen Umfang komplexe Behandlungsangebote im häuslichen Umfeld, die oft als home treatement bezeichnet werden.
Die wesentliche neue Herausforderung an die stationäre psychiatrische Versorgung ist eine stetig weiter zunehmende Inanspruchnahme durch Patienten, die vor 30 Jahren kaum psychiatrische Hilfe in Anspruch genommen haben, vor allem Patienten mit Depressionen und Angststörungen, aber auch solche mit Demenzen, Belastungsstörungen, Persönlichkeits- und Essstörungen. Diese erhöhte Inanspruchnahme hat ihre Ursachen neben einer Zunahme der Häufigkeit bestimmter Erkrankungen auch in einer höheren gesellschaftlichen Akzeptanz und abnehmenden Stigmatisierung psychiatrischer Erkrankungen, die die Betroffenen nun erfreulicherweise Hilfe suchen lässt.
Für diese Patientengruppen sind in den letzten Jahren komplexe Behandlungsverfahren entwickelt worden, die meist eine störungsspezifische Kombination eines Behandlungsumfeldes mit psychotherapeutischen und psychopharmakologischen Methoden sind. Entgegen der Maxime der Psychiatrie-Enquete, die psychiatrische Versorgung aller Patienten möglichst gemeinsam im gemeindenahen Umfeld durchzuführen, zwingt die Komplexität dieser Ansätze zur Spezialisierung und damit auch zur Zentralisierung der Behandlungsangebote.
Die stationäre psychiatrische Versorgung der Zukunft wird sich also für bestimmte Behandlungsangebote wieder ein Stück weit vom Ideal der gemeindenahen Versorgung entfernen müssen, um allen Patienten, auch denen mit seltenen Erkrankungen und/oder sehr speziellem Therapiebedarf, gerecht zu werden. Da aber immer auch das psychosoziale Umfeld des Patienten und eine heimatnahe ambulante Betreuung für den Behandlungserfolg von Bedeutung sind, wird möglicherweise eine überregionale Vernetzung stationärer mit ambulanten Angeboten notwendig sein. Standardbehandlungen, zum Beispiel unkomplizierter depressiver Erkrankungen, werden aber weiterhin überwiegend heimatnah erfolgen können, was schon wegen der Notwendigkeit einer frühzeitigen und kontrollierten Reintegration der Patienten in das private und berufliche soziale Umfeld therapeutisch auch notwendig ist. Heimatferne Standardbehandlungen zum Beispiel in psychosomatischen Kliniken können dies nicht leisten.
Um diesen umfänglichen neuen Aufgaben gerecht zu werden, braucht die stationäre psychiatrische Versorgung ausreichende finanzielle Ressourcen. Aufgrund der immensen quantitativen und qualitativen Gesamtbelastung der Gesellschaft durch psychiatrische Erkrankungen, die weiter ansteigt, ist abzusehen, dass hierzu der derzeitige 10 Prozent Anteil an den Gesamtausgaben der Krankenkassen für die stationäre Behandlung ihrer Mitglieder nicht ausreichen wird.
Kontakt:
Prof. Dr. med. Thomas Pollmächer
Klinikum Ingolstadt GmbH
Direktor des Zentrums für psychische Gesundheit
Krumenauerstr. 25
85049 Ingolstadt
Telefon: 0841-8802200
E-Mail: thomas.pollmaecher[at]klinikum-ingolstadt.de
Download:
kongress2011-prt2-statement3-pollmaecher.pdf [30KB]