Bergmann: Neue Versorgungsmodelle im ambulanten Sektor
Statement von Dr. med. Frank Bergmann, Aachen, Mitglied im Vorstand DGPPN und Vorsitzender Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN), im Rahmen des Presse-Round-Tables am 25.11.2011 zum Thema "Versorgungsforschung und Versorgungsrealität: Welchen Stellenwert haben Patientinnen und Patienten in der Gesundheitspolitik?"
Presse-Information 25.11.2011
Versorgungsforschung und Versorgungsrealität
Statement von
Dr. med. Frank Bergmann, Aachen
Mitglied im Vorstand DGPPN und
Vorsitzender Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN)
Neue Versorgungsmodelle im ambulanten Sektor
Die Verfügbarkeit neurologisch/psychiatrischer Behandlungs-Ressourcen und zukünftige Versorgungsbedarfe in den Bereichen Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie (inkl. Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie) rücken zunehmend in den Fokus des gesundheitspolitischen Interesses.
Dies ist nicht zuletzt dem sich abzeichnenden demographischen Wandel unserer Gesellschaft geschuldet. Das Fritz-Beske-Institut für Gesundheits-System-Forschung in Kiel veröffentlichte im September 2011 ein Gutachten unter dem Titel „Solidarische transparente und bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung im demographischen Wandel durch Priorisierung und Rationierung“.
Die Koordinaten für den demographischen Wandel beschreiben eine voraussichtliche Abnahme der Bevölkerungszahl bis 2060 um 17 Mio. mit einer Abnahme der nachwachsenden Generation um 5 Mio. und der Erwerbsfähigen um 17 Mio. bei gleichzeitiger Zunahme der über 66-jährigen um ca. 5 Millionen. Dies wird voraussichtlich dazu führen, dass das Verhältnis Erwerbstätiger zu Rentnern von 3:1 im Jahre 2010 sich auf 1:1 im Jahr 2060 verschieben wird. Es wird eine Zunahme von Multimorbidität und insbesondere einer Zunahme von Alterserkrankungen erwartet. Konkret: eine Zunahme der Herzinfarkt-Patienten um 75 Prozent, der Schlaganfall-Patienten von 62 Prozent und der Karzinom-Patienten um 27 Prozent. Gleichzeitig ist mit einer Verdoppelung der Zahlen der an Demenz erkrankten Personen von jetzt ca. 1,1 auf 2,2 Mio. zu rechnen, darüber hinaus wird eine Verdoppelung der Pflegebedürftigen von 2,25 auf 4,5 Mio. Personen erwartet.
Parallel zu den Veröffentlichungen von Professor Beske hat eine Arbeitsgruppe der TU Dresden um Professor Wittchen aktuell eine Untersuchung vorgelegt: „The size and burden of mental disorders and other disorders of the brain in Europe 2010“. Diese beschreibt, dass 38,2 Prozent aller Einwohner der EU einmal pro Jahr an einer klinisch bedeutsamen psychischen Störung erkranken. Bei dieser Zahl sind Schlaganfall-Patienten, Patienten mit Parkinson, Multiple Sklerose und anderen neurologischen Erkrankungen außer den Demenzen noch nicht mitgezählt. Die vorgelegte rd. dreijährige Untersuchung bezieht sich auf eine Gesamteinwohnerzahl von 514 Mio. Menschen. Im Ergebnis kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die vier am stärksten belastenden Erkrankungen derzeit Depressionen, Demenzen, Alkoholabhängigkeit und Schlaganfall sind und stellen fest: „Hirnerkrankungen sind vor Krebs und Herzerkrankungen die häufigsten und am meisten belastenden Erkrankungen“.
Die Bundespsychotherapeutenkammer begegnet diesen Untersuchungen mit der iterativ vorgetragenen Forderung nach Schaffung von mehr Vertragspsychotherapeuten-Sitzen für psychologische Psychotherapeuten. Als ein Grund für diese Forderung werden lange Wartezeiten auf Psychotherapie-Plätze benannt.
Bei fraglos begrenzten psychotherapeutischen, aber auch neurologischen und psychiatrischen Ressourcen können die dringenden Probleme der neurologisch/psychiatrischen Unterversorgung der Bevölkerung allerdings nur durch eine konzertierte Aktion bewältigt werden. Dazu gehört prioritär die Feststellung eines besonderen Versorgungs- und Regelungsbedarfes in diesem spezifischen Versorgungssegment durch den Gesetzgeber, denn dieses betrifft mindestens ein Drittel aller Erkrankten im Deutschen Gesundheitssystem.
Auf der Handlungsebene ist eine sinnvolle, d.h. morbiditätsgeleitete Vernetzung und Darstellung der Behandlungsabläufe in einem klinischen Behandlungspfad unter Berücksichtigung aller an der Versorgung Beteiligten erforderlich. Das alleinige Verändern einiger Stellschrauben, wie z. B. Hausarztzentrierung in der Versorgung oder eine noch weitere Öffnung der Kliniken ohne ein dahinter stehendes umfassendes Versorgungskonzept ist insofern wenig zielführend, da dies zu weiterer Fehlallokation von Ressourcen und Etablierung konkurrierender Versorgungssektoren führen würde. Dies wäre jedoch dem Ziel eines Paradigmenwechsels von institutionell zu morbiditätsgesteuerter Versorgung der Kranken wenig zweckdienlich.
Kontakt:
Dr. med. Frank Bergmann
Kapuzinergraben 19
52062 Aachen
Telefon: 0241-36330
Fax: 0241-404972
E-Mail: bergmann[at]bvdn-nordrhein.de
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