DGPPN Kongress 2011 im Rückblick
Die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) war auch in diesem Jahr wieder ein beliebter Treffpunkt für alle, die mehr über den aktuellen Wissensstand in Forschung, Diagnostik und Therapie psychischer Erkrankungen erfahren wollten. Über 9.000 Teilnehmer – darunter über 1.600 Referenten und 270 Medienvertreter – nahmen an der viertägigen Veranstaltung vom 23. bis 26. November 2011 in Berlin teil. Die insgesamt 600 Einzelveranstaltungen standen unter dem Leitthema „Personalisierte Psychiatrie und Psychotherapie“. Damit wird der Kongress seinem Ruf als größte wissenschaftliche Tagung im Bereich Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik sowie Neurowissenschaften wieder einmal mehr als gerecht.
„Mit dem Leitthema ‚Personalisierte Psychiatrie und Psychotherapie‘ haben wir uns ein brandaktuelles Thema ausgesucht“, so DGPPN-Präsident Professor Peter Falkai, Göttingen. „Derzeit wird viel in der Gesellschaft über personalisierte Medizin diskutiert. Leider verkommt der Begriff dabei oftmals zur Leerformel. Wir wollten den Begriff mit Leben füllen und fragen, was personalisierte Medizin für unser Fachgebiet bedeutet. Was bringen individuelle Diagnose- und Behandlungskonzepte für unsere Patienten? Kann unser Gesundheitssystem sich das überhaupt leisten?“, sagt der DGPPN-Präsident. Ein Schwerpunkt galt Fragen nach den Grenzen und Möglichkeiten einer personalisierten Diagnostik. Am Beispiel der Demenzen, Psychosen und Suchterkrankungen ging es darum, ob man mit Biomarkern im Einzelfall in der Lage ist, psychische Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Ein weiterer Schwerpunkt stellte das Thema der personalisierten Therapie dar. Darüber hinaus sollten auch die therapeutisch tätigen Ärzte und Psychotherapeuten selbst in den Blick genommen werden. „In der Regel liegt unser Fokus auf den Patienten und dessen optimale Versorgung. Häufig wird vergessen, dass Therapeuten Menschen sind, die somatisch, aber eben auch psychisch erkranken können“, sagt Professor Falkai. Zentrale Aspekte waren deshalb beispielsweise das Burnout-Syndrom bei Ärzten und Mitgliedern des Pflegepersonals.
Vielfältiges Kongressprogramm mit aktuellen gesundheitspolitischen Themen
„Besucher des DGPPN-Kongresses konnten in diesem Jahr auch über die Themenschwerpunkte hinaus wieder die große Vielfalt unseres Faches erleben. Neben neuesten Ergebnissen aus der biologisch-psychiatrischen und neurowissenschaftlichen Forschung, den facettenreichen Möglichkeiten der Forschungsförderung, den philosophischen Debatten sowie historischen Auseinandersetzungen widmeten wir uns in diesem Jahr auch versorgungspolitischen Fragestellungen“, sagt Professor Falkai. So spiegelte das Kongressprogramm die drängenden Fragen des Faches wider mit denen sich die DGPPN in den vergangenen Jahren intensiv beschäftigt hat. Ein Beispiel hierfür ist das neue Entgeltsystem mit den damit befürchteten personellen und finanziellen Veränderungen. Die DGPPN als wissenschaftliche Fachgesellschaft beteiligt sich aktiv am Diskussionsprozess des Bundesgesundheitsministeriums (BMG). Der DGPPN Kongress sollte auch für den Austausch über dieses wichtige Thema genutzt werden. „Ein weiteres hochbrisantes Problem in diesem Jahr war und ist das Therapieunterbringungsgesetz sowie das Bundeverfassungsgerichtsurteil zur Neuregelung der Sicherungsverwahrung, die erhebliche Auswirkungen auf Psychiatrie und Psychotherapie haben“, so Falkai. Mit zahlreichen Stellungnahmen hat die DGPPN sich in diesem Jahr dazu positioniert und im Rahmen des Vorschlags zur Etablierung einer die Politik beratenden Expertenkommission eine Mitsprache bei der Neuregelung der Sicherungsverwahrung eingefordert. Auch zahlreiche Veranstaltungen informierten gerade über dieses kontroverse Thema. Darüber hinaus wies der DGPPN-Präsident nicht zuletzt vor dem Hintergrund steigender Arbeitsunfähigkeitstage und Frühberentungen durch psychische Erkrankungen darauf hin, dass ein eigenes multizentrisches Forschungszentrum für psychische Erkrankungen ein Gebot der Stunde darstellt. Für andere Erkrankungen wie Krebs, Herzkreislauf oder Lunge habe die Politik die Wege geebnet. Dies, möge man von dort aus auch für die psychischen Erkrankungen in Angriff nehmen. Denn, so Falkai, sei es eine einfache medizinische Tatsache, dass es keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit gebe.
Der Kongress wird jünger
Der Kongress zieht auch zunehmend Medizinstudierende an: „Die DGPPN Nachwuchskampagne der letzten Jahre hat auch den Kongress spürbar geprägt. Mehr und mehr Studierende erobern den Kongress und das Bild der Teilnehmer wird immer jünger“, freut sich Falkai. Mit über 960 Studierenden konnte die Zahl der teilnehmenden Studierenden noch einmal gesteigert werden. So ermöglichte die Aktion „Nur die schnellsten Medizinstudenten gewinnen: 500 Stipendien ausgeschrieben“ deutschen Medizinstudenten eine kostenlose Kongressteilnahme. Außerdem wurde ein Teil des Programms gezielt auf die jungen Nachwuchswissenschaftler und -ärzte zugeschnitten. Neben fachlichen psychiatrischen Veranstaltungen speziell für den Nachwuchs, gab es sowohl Symposien zur Karriereplanung, als auch zur Zukunft des Fachs. Diskutiert wurden insbesondere die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die zunehmende Arbeitsbelastung sowie das wachsende Bedürfnis nach internationalem Erfahrungsaustausch von jungen Ärztinnen und Ärzten. Nicht zuletzt bot die DGPPN ein attraktives Programm der Fort- und Weiterbildungsakademie. Mit den angebotenen Workshops können angehende Fachärzte 80 Prozent ihrer notwendigen Weiterbildungsbausteine während der gesamten Facharztweiterbildung abdecken. Nach der positiven Resonanz in den letzten Jahren wurde auch wieder der DGPPN-Kongresskindergarten angeboten. Im Rahmen ihrer Nachwuchskampagne hat die DGPPN zudem in diesem Jahr insgesamt elf Preise im Wert von weit über 100.000 Euro zur Förderung von Wissenschaft und Forschung im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie ausgelobt. Neben bewährten Preisen wie zum Beispiel dem Forschungsförderpreis Imaging in Psychiatrie und Psychotherapie und dem Anti-Stigma-Preis wurden in diesem Jahr ein weiterer neuer Preis vergeben, der DGPPN-Preis für Empirische Forschung in der forensischen Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie.
Mitgliederversammlung: DGPPN begrüßt sein 6.000 Mitglied
Nicht nur d
er Kongress hat eine beeindruckende Entwicklung genommen, auch die DGPPN als medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft wächst kontinuierlich weiter. Konnte die DGPPN im Jahr 2009 auf ihrer Mitgliederversammlung das 5.000ste Mitglied begrüßen, so war es in diesem Jahr bereits das 6.000 Mitglied. Im Rahmen der Mitgliederversammlung wurden wichtige Themen konstruktiv diskutiert. So wurden die Ergebnisse der kürzlich durchgeführten Umfrage zum Pflichtjahr Neurologie in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Weiterbildung vorgestellt und über eine Verkürzung des Neurologiejahres diskutiert. Weiteres wichtiges Thema war die offizielle Aberkennung der Ehrenmitgliedschaften von Professoren Dr. Friedrich Mauz (1900 - 1979) und Dr. Friedrich Panse (1899 - 1973). Mauz und Panse waren in der Zeit des Nationalsozialismus als sogenannte T4-Gutachter an der Selektion von psychisch kranken und behinderten Menschen beteiligt. Die Namen werden weiter in der Liste der Ehrenmitglieder der DGPPN und ihrer Vorläuferorganisationen geführt, aber mit ausdrücklichen Hinweisen und Informationen zur Aberkennung der Ehrenmitgliedschaft versehen.
Seelische Gesundheit geht alle an – öffentliche Veranstaltungen
Neben dem wissenschaftlichen Programm sowie den Veranstaltungen der Fort- und Weiterbildungsakademie richtet sich die DGPPN mit einer Reihe von Angeboten an ein interessiertes Laienpublikum. „Mit den Angeboten der Schülerveranstaltung, der Lehrerveranstaltung sowie des Info-Tages reagieren wir auf das gestiegene Interesse seitens der Öffentlichkeit, mehr über psychische Erkrankungen, deren Diagnostik und Therapie sowie über Prävention und seelische Gesundheit wissen zu wollen“, so der DGPPN-Präsident. Indem die DGPPN als medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft auf dieses Interesse aktiv zugehe, nehme sie ein bürgerschaftliches Engagement wahr. Bei der Schülerveranstaltung diskutierten Berliner Schüler mit Experten über die Themen „Ich hab so einen Hass: Wie mit Aggressionen umgehen?“, „Immer nur Schule: Wie mit Stress und Prüfungsangst umgehen?“ sowie „Mobbing und Stalking: Wie fängt es an?“. Zwei Lehrerveranstaltungen rückten die Themen „Burnout“ und „Posttraumatische Belastungsstörungen bei Schülern und Lehrern“ in den Fokus. Interessierte Berliner fanden im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung Antworten auf die Frage: „Macht Arbeit krank? Psychische Belastungen am Arbeitsplatz für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“.
DGPPN-Präsident Peter Falkai zeigt sich mit der Kongressbilanz zufrieden: „Wir konnten einen vielfältigen, bunten und qualitativ hochwertigen Kongress erleben“. Auch im Jahr 2012 freut sich die DGPPN wieder auf ein großes nationales wie internationales Publikum. Der DGPPN-Kongress findet im nächsten Jahr vom 21. bis zum 24. November 2012 statt. Dann wird es um die Zukunft der psychosozialen Medizin gehen.
Der Kongress in Bildern: www.dgppn.de/index.php?id=1014