24.02.2012
Wissenschaft

Konzeptvorschlag zur Einrichtung eines Deutschen Zentrums für psychische Erkrankungen

Gemeinsames Papier der Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (P. Falkai, W. Maier, T. Becker, F. Schneider) in Zusammenarbeit mit der APK (A. Heinz, H. Kunze)


Einleitung

Mit der Einrichtung von Gesundheitszentren hat die Bundesregierung eine Neustrukturierung krankheitsorientierter Forschung in Deutschland beschritten. Die Grundidee ist eine Bündelung wissenschaftlicher Kompetenz, um eine Translation von den pathophysiologischen Grundlagen zu krankheitsrelevanten Therapieansätzen sogenannter Volkskrankheiten schneller zu ermöglichen.  Dieses Ziel soll durch eine enge Verzahnung zwischen der Hochschulmedizin und außeruniversitären Forschungseinrichtungen erreicht werden. Jedes Zentrum ist über mehrere Partnerstandorte verteilt, um die vorhandene Forschungs- und Versorgungsexellenz in Deutschland zu integrieren. Jede dieser Zentren ist auf eine besonders belastende häufige Krankheit (-sgruppe) ausgerichtet (sogenannte Volkskrankheiten). Dieser Grundidee folgend sind seit 2009 folgende Zentren eingerichtet worden:

  • Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE)
  • Deutsches Zentrum für Diabetesforschung (DZD)

Die Einrichtung vier weiterer Zentren ist beschlossen:

  • Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung
  • Deutsches Konsortium für Translationale Krebsforschung
  • Deutsches Zentrum für Infektionsforschung
  • Deutsches Zentrum für Lungenforschung

Obwohl die hier genannten Krankheiten oder Krankheitsgruppen von eminenter Bedeutung für die Gesundheit der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland sind, soll das vorliegende Konzeptpapier herausarbeiten, dass die Notwendigkeit für die Einrichtung eines Deutschen Zentrums für psychische Erkrankungen (DZP) dringend erforderlich ist.

- Warum braucht Deutschland ein Deutsches Zentrum für psychische Erkrankungen?
- Häufigkeit und Bedeutung von psychischen Erkrankungen für die Bevölkerung:

Psychische Erkrankungen sind weltweit sehr häufig. In Deutschland betreffen sie ca. 1/3 der Bevölkerung im Verlaufe des Lebens. Zu dieser hohen Erkrankungswahrscheinlichkeit tragen insbesondere die Angststörungen (ca. 10 %), Depressionen (ca. 5 %)  und psychotische Erkrankungen (ca. 3 %) bei. Eine besondere Bedeutung für die öffentliche Gesundheit haben zudem Suchterkrankungen, wie Nikotinabhängigkeit (ca. 5 Millionen Betroffene in der BRD), Alkoholabhängigkeit (ca. 2 – 3 Millionen Betroffene) und Drogenabhängigkeit (ca. 100.000 Betroffene).

Da psychische Störungen auch stressbedingt sind, wird angesichts sich wandelnden Arbeits- und Lebensbedingungen die gegenwärtige Steigerungstendenz bei der Inanspruchnahme medizinischer Leistungen aufgrund psychischer Störungen anhalten. Als Maße für die gesundheitspolitische Bedeutung von psychischen Erkrankungen kann zum einen das Maß der Beeinträchtigung der normalen Lebensgestaltung durch diese Erkrankungen gelten und zum anderen das Ausmaß der Frühberentungen, die diese Erkrankungen zur Folge haben.

- Konsequenzen für Betroffene und die Gesellschaft:
Psychische Krankheiten neigen in besonderem Maße zur Chronifizierung und zu wiederkehrenden Krankheitsepisoden Daher stellen sie auch den häufigsten Grund für langfristige Erwerbsunfähigkeit und Frühberentungen dar. Psychische Störungen stellen dabei die einzige Krankheitsgruppe mit steigenden relativen und absoluten Anteilen  (siehe Abbildung 1). Daraus resultieren nicht nur individuellen Beeinträchtigung der Lebensentfaltung und Lebensqualität, sondern auch volkswirtschaftlich mit enormen primären und sekundären Folgekosten. Nur eine Verbesserung der Behandlungsbedingungen psychischer Erkrankungen kann diese enormen Lasten reduzieren.

Abbildung 1 Entwicklung der Anzahl der Frühberentungen wegen verminderter Erwerbsfähigkeit nach ausgewählten Diagnosegruppen (Statistik der deutschen Rentenversicherung in Zeitreihen 2010)

Ein international häufig gebrauchtes Maß für die Beeinträchtigung der normalen Lebensentfaltung durch Krankheit sind die so genannten DALYS (Disability-adjusted life years), die ein Maß für die Beeinträchtigung der normalen Lebensgestaltung in Jahren pro Menschenleben ausdrücken. bei diesem Maß (siehe Abbildung 2) nehmen psychische Erkrankungen die prominentesten Plätze unter den zehn beeinträchtigensten Erkrankungen weltweit ein. 

Abbildung 2 Hochrechnung der World Health Organisation (WHO): Burden of Desease 2030 der Industrie-länder für 12-Monats-Prävalenzen (Mathers & Loncar 2006)

- Behandlungschancen

Für alle psychischen Krankheiten gibt es zwar wirksame Behandlungsstrategien, diese führen aber bei der sehr großen Anzahl von Patienten zu keiner Heilung: z. B. konnte auch bei der leitliniengerechten evidenzbasierten Anwendung von 4 nach einander eingesetzten antidepressiver Therapie bei 33% keine Heilung (Remission) erreicht werden. Die hohen Entwicklungskosten für ZNS-Medikamente hat zudem das Engagement der Industrie derzeit und zukünftig für neue, innovative Wirkstoffe mit stärkeren Therapieeffekten deutlich gedämpft. Die erfolgversprechende Entwicklung von Wirkstoffen und anderen Therapieverfahren jenseits der Industrie ist also für psychisch Kranke dringend erforderlich. Hier kann nicht auf ein problemadäquates Interesse der forschenden pharmazeutischen Industrie gesetzt werden. Die akademische Forschung muss sich bei der Ent-wicklung neuer Wirkmechanismen – im Interesse der Betroffenen und der Gesellschaft – hier verstärkt engagieren. Dieses Ziel erfordert die Bündelung der verfügbaren Kräfte in Zentrumseinrichtungen mit starker langfristiger finanzieller Förderung (in Kooperation mit vorhandenen Strukturen der Hochschulmedizin).

Um diesen Belastungen gerecht zu werden, um die vorhandenen Chancen zur Therapieentwicklung und – optimierung zu nutzen, ist die Bündelung der zurzeit zersplitterten wissenschaftlichen Kompetenz in einem Deutschen Zentrum für psychische Erkrankungen notwendig.

- Welche psychischen Erkrankungen sollten in einem Deutschen Zentrum für psychische Erkrankungen gemeinsam erforscht werden?

Alle häufigen psychischen Störungen sollten gemeinsam in dem Forschungsverbund eines über mehrere Partnerstandorte verteilten Zentrums (DZP) bearbeitet werden, denn Entstehungsmechanismen, Behandlungserfordernisse, Patientenbedürfnisse und Therapieansätze zeigen erhebliche Gemeinsamkeiten und Überlappungen. Zudem besteht häufig eine Komorbidität (gemeinsames Auftreten verschiedener psychischer Störungen).

Die besondere Aufmerksamkeit sollten jene psychische Störungen erhalten, bei denen der Entwicklungs- und Optimierungsbedarf am höchsten und die krankheitsbedingte Belastung bei Betroffenen am stärksten ausgeprägt sind. Dies gilt vor allem für:
Affektive Erkrankungen, hier insbesondere Depression und Angststörungen sowie Suchterkrankungen. Seltenere Erkrankungen wie psychotische Erkrankungen undbipolare Störungen sind wegen der lebenslangen Beeinträchtigung von Lebensqualität, Ausbildungs- und Berufsfähigkeit sowie Anpassungsfähigkeit von besonderem Belang.  . Dementielle Erkrankungen, die für eine zunehmend ältere Bevölkerung von großer Bedeutung sind, sind im Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen bereits Gegenstand intensiver Forschung.

Ebenso sind die Bedeutung für die öffentliche Gesundheit bei Schwerpunktbildungen zu beachten. Für die Gesellschaft ist eine Verbesserung von Prävention und  Therapie von Persönlichkeitsstörungen von Bedeutung, da diese häufig aktiven Missbrauch und kriminellen Verhalten zur Folge haben.

- Wie sollte die Struktur eines solchen Zentrums für psychische Erkrankungen aussehen?

Mit dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen und dem Deutschen Diabeteszentrum existieren zwei Modelle für Gesundheitszentren mit ganz unterschiedlicher Struktur. Verfügt das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen über ein starkes Zentrum in Bonn mit sechs Satelliten in Dresden, Göttingen, Tübingen, Magdeburg, Witten-Herdecke und Greifswald, so besteht das Deutsche Zentrum für Diabetesforschung aus einem Ring von Satelliten, deren Zentrum ein Helmholtz-Institut in München ist. Obwohl es Befürworter für das eine oder andere Modell gibt, wird aus pragmatischen Gründen die Etablierung einer Ringstruktur mit Satelliten vorgeschlagen, wobei der administrative Kern wie beim Deutschen Zentrum für Diabetesforschung an einem vorhandenen Helmholtz-Standort liegen kann. Optimal erscheint die Zahl von ca. fünf Satelliten, die jeweils schwerpunktmäßig eine der genannten Erkrankungen, insbesondere im Hinblick auf Epidemiologie und Versorgungsforschung der entsprechenden Themenfelder bearbeiten.

- Welche Themen sollten in den Satellitenstandorten bearbeitet werden?

Um einen optimalen Erkenntnisfortschritt zu gewährleisten, wird es wichtig sein, dass zentrale Themen für psychische Erkrankungen an den Standorten bearbeitet werden. Im Augenblick gibt es die folgenden klar abgrenzbaren Forschungsgebiete in der Psychiatrie:

  1. Versorgungsforschung
  2. Klinische Forschung, Psychopharmakologie
  3. Psychotherapieforschung
  4. Aggressionsforschung, Missbrauch/Trauma und Forensik
  5. Bevölkerungsbezogene Forschung
  6. Präventionsforschung
  7. Translationsforschung

Diesen Forschungsgebieten kommen  unterschiedliche Querschnittsfunktionen zu. Auch werden verschiedene Zielgruppen unter Anwendung von unterschiedlichen Methoden untersucht.

Ad 1. Versorgungsforschung:
Die psychiatrische Versorgungsforschung konzentriert sich auf die Praxisrelevanz von Forschungsprojekten und den Transfer der Ergebnisse von Therapie- und Inter-ventionsstudien in den Behandlungsalltag. Die zentralen Themen der Versorgungsforschung liegen an der Schnittstelle zwischen klinischer Forschung, Versorgungssystem und Leistungsträgern. Schwerpunkte betreffen u.a. die Themenfelder von

  • ‚Input’ (Versorgungswege, Weiterbildung in therapeutischen Berufen);
  • ‚Throughput’ (Strukturen und Prozesse im Versorgungssystem, z.B. Wartezei-ten, Schnittstellen, Leitlinien-Anwendung usw.);
  • das Thema ‚Output’ (Versorgungsleistungen, z.B. Diagnosen oder Eingriffe) sowie das Thema
  • ‚Outcome’ (Erreichen gesundheitlicher Ziele beim Patienten).

Wichtig sind Themen der sozialen Integration, z.B. die Teilhabe am Arbeitsleben und berufliche Rehabilitation. Die psychiatrische Versorgungsforschung beschäftigt sich mit innovativen, multidisziplinären und sektorübergreifenden Versorgungsangeboten. Beispiele sind u.a. die nachgehende, multidisziplinäre gemeindepsychiatrische Behandlung (assertive community treatment), die gemeindepsychiatrische, extrastationäre Akutbehandlung (home treatment) sowie die direkte Platzierung am Arbeitsplatz für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen (supported employment). Zu diesen Interventionen liegt jeweils hochwertige Studienevidenz vor.

Die Versorgungsforschung beschäftigt sich mit der Effektivitätsforschung, d.h. mit Studien zur Anwendung innovativer Ansätze in der Routineversorgung. Hintergrund ist, dass die Routinewirksamkeit innovativer Interventionen nicht automatisch aus den positiven Ergebnissen sog. efficacy-Studien (randomisierter kontrollierter Studien, RCT) folgt. Die Effektivitätsforschung bedient sich ebenfalls des RCT-Ansatzes, aber auch anderer kontrollierter Studiendesigns. Sie muss der Tatsache Rechnung tragen, dass psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlungsangebote häufig komplexe Interventionen sind, die aus mehreren aktiven Komponenten bestehen. Somit ist die Therapieprozessforschung wichtig, um bei negativen Studienergebnissen oder hoher Ergebnis- (Outcome-) Varianz wirksame Komponenten identifizieren und Gründe für Wirkunterschiede ermitteln zu können. In der Implementierungsforschung, d.h. bei komplexen Änderungen im Versorgungssystem, kann eine Arbeitsteilung zwischen einem Zentrum, das die Innovation umsetzt, sowie einem für die Evaluation verantwortlichen Zentrum sinnvoll sein, um Voreingenommenheit in der Evaluation zu vermeiden.

Die Versorgungsforschung gilt weiterhin themenübergreifenden Fragen wie der Therapie-Compliance (oder Adhärenz), Maßnahmen zur Verbesserung der Compliance sowie der medizinischen Entscheidungsfindung. Die Bearbeitung dieser Fragen ist wichtig, da häufig Therapieabsprachen keinen Bestand über die Zeit haben (Non-Compliance oder Non-Adhärenz). Die Bearbeitung dieser For-schungsfragen erfordert Methodenvielfalt einschließlich empirisch-qualitativer Ansätze. Für die Versorgungsforschung sind schließlich die Rahmenbedingungen wichtig, unter denen im Gesundheits- und Sozialsystem Versorgungsleistungen erbracht werden, da diese für das Verständnis des Versorgungsgeschehens und die Implementierung von Interventionen wichtig sind.

Die gesundheitsökonomische Forschung ist mit Studien zu Krankheitskosten, zur Kosteneffektivität und zur Wirkung von Anreizsystemen im Versorgungssystem un-verzichtbar. Schließlich stellen Phänomene der Stigmatisierung und Diskriminierung psychisch Kranker, das Arbeitsfeld „Migration und psychische Erkrankungen“ sowie der demographische Wandel wichtige Forschungsfelder dar, zu dem umfangreiche empirische Evidenz vorliegt. Gleiches gilt für das Thema der Teilhabe psychisch Kranker am gesellschaftlichen Leben.

Hierzu zählt man in erster Linie solche wissenschaftlichen Arbeiten, die die aktuelle Versorgungssituation verbessern wollen, um vorhandene Versorgungsstrukturen zu evaluieren bzw. neue sektorübergreifende und patientenzentrierte Modelle aufzubauen, die Stigmatisierung psychisch Kranker zu beenden und die Teilhabe psychisch Kranker am gesellschaftlichen Leben zu erweitern. Hierzu zählt die Erarbeitung neuer Versorgungsmodelle wie zum Beispiel Aufsuchende Dienste („Assertive community treatment“) oder Arbeitsreintegrationsprogramme, die eine möglichst dauerhafte Reintegration auf dem ersten Arbeitsmarkt anzielen („Supported employment“, „Training on the job“). Für diese Belange sind auch die gesundheitsökonomische Forschung und Nutzenanalyse sowie Best Practice Analysen zu entwickeln.
Bedarf besteht vor allem auch an der sich entwickelnden Implementierungsfor-schung. Die wissenschaftlich begleitende Implementierung von neuen wirksamen und nützlichen Therapieverfahren als Behandlungsstrategien und von Versorgungsmodellen ist entscheidend für den Transfer von gewonnener Evidenz zum Patienten und in die Versorgungslandschaft. Die gegenwärtige unsystematische Implementierung führt zu Zeitqualitäts- und Effizienzverlusten. Viele Untersuchungen, die bekannte somatotherapeutische Möglichkeiten (zum Beispiel Medikamente oder Stimulationsverfahren) systematisch daraufhin überprüfen, ob sie das akute Beschwerdebild einer Erkrankung verbessern und langfristig den Rückfall verhindern, greifen zu kurz. Dasselbe gilt für die breite Anwendung von Psycho- und Soziotherapieverfahren und auch die Entwicklung neuer Verfahren (zum Beispiel CBASP für chronische Depressionen).

Ad 2. Klinische Forschung: Psychopharmakologie:

Klinische Forschung soll einen schnellen Transfer grundlagenwissenschaftlicher Erkenntnisse in die klinische Praxis ermöglichen.

Die patientenbezogene klinische Forschung bei psychischen Störungen leidet in Deutschland unter einer unzureichenden langfristigen Infrastruktur (spezifische Zentren für klinische Forschung, stehender, überdauernd qualitätsgerichteter Ring von Behandlungszentren mit bewiesener Expertise). Die bereits erfolgten qualitativen Sprünge in der klinischen psychiatrischen Forschung in Deutschland sind bisher nur unzulänglich in langfristige Strukturen umgesetzt.

Frühe Phasen der Wirkstoffprüfung (Phase I, unizentrisch) und umfangreiche Phase III/IV Studien (multizentrisch) müssen auch in Deutschland verstärkt durchgeführt werden. Eine tragfähige, langfristig angelegte Multicenterstruktur ist unerlässlich für schnelle, effiziente und qualitätsvolle klinische Forschung mit internationaler Sichtbarkeit. Die lange Zeitschiene zwischen Entwicklung, Markeinführung und Nutzenbewertung kann auf diese Weise verkürzt werden. Laufzeitbegrenzung bei den von BMBF und DFG geförderten klinischen Studien stehen diesem Erfordernis entgegen und führten bei psychischen Krankheiten zum Abbau aufgebauter, leistungsstarker Strukturen nach Auslauf der Förderung.

Die über die Partner des Helmholtz-Zentrums langfristig gebildeten Multicenterstrukturen würden gewährleisten, dass die nach Zulassung notwendigen Studien und andere Evidenzen für die Nutzenbewertung im vom Gesetzgeber vorgegebenen engen Zeitrahmen erfolgen können.

Ad 3. Klinische Forschung: Psychotherapie:

Spezifische Psychotherapieverfahren sind bei vielen psychischen Störungen wirksam mit vergleichbarer Wirkung wie wirksame Psychopharmaka. Die akademische Forschung ist hier besonders verpflichtet, da die Forschungsplattformen der pharmazeutischen Industrie hier nicht zur Verfügung stehen. Die systematische Entwicklung neuer, besserer Psychotherapieverfahren ist aber derzeit nicht so systematisch angelegt, wie die Wirkstoffentwicklung in der pharmazeutischen Industrie. Hier besteht international erheblicher Entwicklungsbedarf. Die auslaufenden BMBF-geförderten Psychotherapieverbünde haben in Deutschland eine international sichtbare Vorarbeit geleistet.

Ad 5: Bevölkerungsbezogene Forschung

Frühere Behandlung ist auch bei psychischen Störungen entscheidend für die Verhütung von Chronifizierungen. Die Identifikation von Stadien erhöhten Risikos und von voraussagefähigen Frühsymptomen ist Voraussetzung für frühe Interventionen. Diese Indikatoren müssen vor dem heute üblichen Zeitpunkt der ersten Inanspruchnahme medizinischer Dienst erkannt werden. Das kann aber nur durch prospektive Bevölkerungsstudien, respektive durch Epidemiologie und Versorgungsforschung erfolgen. Besonders vielversprechend ist dabei die Entwicklung von Biomarkern für die spätere Entwicklung von psychischen Störungen.

Laufende Kohortenprojekte (z. B. Nationale Kohorte) müssen in dieser Hinsicht systematisch für psychisch Kranke genutzt und ergänzt werden. Ein weiteres relevantes Ziel ist die Berichterstattung über die Entwicklung der Erkrankungshäufigkeiten, die Grundlage der patientengerechten Bedarfsplanung für das Versorgungssystem darstellen. Solche Daten werden derzeit nur bruchstückhaft erhoben, was zu Über- und Unterversorgung führt.

Ad 6. Präventionsforschung

Es ist allgemein anerkannt: Prävention vor Therapie. Auch bei psychischen Störun-gen wird aufgrund der wachsenden Kenntnis über Ursachen und Entstehung eine wirksame Prävention möglich. Auch für psychische Störungen gilt die Vision: „Disease Prediction (vor der Diagnostik), Prävention (vor der Therapie), personalisierte Medizin (anstelle globalem, diagnosebezogenen Zugang)“. Ansatzpunkte sind: Krankheits-, AU- und BU-Prävention durch Schaffung des „seelisch gesunden Arbeitsplatzes“ oder „Indizierte Prävention“ aufgrund von Frühsymptomen in medizinischen Früherkennungszentren. Die Entwicklung von Präventionsprogrammen in verschiedenen Settings mit unterschiedlichen Zielpopulationen steckt in den Kinderschuhen. Die akademische Medizin befasst sich weltweit zu stark mit der Behandlung bereits erkrankter Menschen. Hier sind außeruniversitäre Forschungs- und Entwicklungsstrukturen gefragt.

Ad 7. Translationsforschung:

In diesem Bereich werden alle Anstrengungen unternommen, um die Grundlagen psychischer Erkrankungen aufzuklären. Hierzu zählen der gesamte Bereich der krankheitsbasierten Epidemiologie, Genetik und der Bereich der bildgebenden Ver-fahren. Das bedeutet, dass auf der Grundlage bevölkerungsbasierter epidemiologi-scher Untersuchungen zu verstehen versucht wird, welche Faktoren zum Ausbruch bzw. zur Aufrechterhaltung psychischer Erkrankungen beitragen. Der Bereich der Genetik widmet sich dem Beitrag genetischer Faktoren zur Pathophysiologie. Der Bereich der bildgebenden Verfahren andererseits ermöglicht eine Brücke (Translation) zwischen den geschilderten Symptomen und dem Zentralnervensystem als wichtigem Organ für das Verständnis psychischer Erkrankungen. Schließlich darf das Studium von Tiermodellen nicht vergessen werden, welches uns die Aufklärung der Funktion von krankheitsrelevanten Genen erlaubt. Dies wiederum ist die Basis für die Entwicklung neuer somatischer und/oder psychotherapeutischer Therapieoptionen auf der Grundlage der Pathophysiologie.

Mehrwert durch die Etablierung eines „Deutschen Zentrums für psychische Erkrankungen“
Die Erforschung psychischer Erkrankungen zur Verbesserung der Versorgung psychisch Kranker ist gegenwärtig in die Bereiche der Grundlagenforschung, patientenbezogenen Forschung, bevölkerungsorientierten Forschung sowie der Versorgungsforschung fragmentiert und damit sehr kostspielig. Die deutsche Forschung im Bereich psychischer Erkrankungen ist zwar durch hervorragende und international sichtbare isolierte Einzelleistungen ausgewiesen. Nur eine Bündelung der derzeit fragmentierten Kräfte in eine standortübergreifende, angereicherte Infrastruktur kann jedoch in diesem Bereich ausstrahlende Synergien schaffen. Vor allem sollte dabei eine institutionell verankerte Verzahnung zwischen grundlagenorientierter und klinischer Forschung und der Versorgungsforschung (Translation) angestrebt werden. Diese Vernetzung der genannten Forschungsbereiche im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie erfordert die Etablierung eines „Deutschen Zentrums für psychische Erkrankungen“.

In den USA (NIMH) und England werden aktuell bereits derzeitige Forschungszentren großzügig gefördert. Ohne eine solche Initiative sind in Deutschland zukunftsweisende Wege verbaut.

ZUSAMMENFASSUNG

Die Einrichtung eines DZP beinhaltet die folgenden Anforderungen:

  • Klinische und vorklinische Forschung an jedem Standort
  • Jeder Standortpartner sollte krankheitsbezogen die Bereiche der klinischen, aber auch vorklinischen Forschung abdecken, um eine Kette von den aus der Versorgung entstehenden Fragestellungen hin zur Pathophysiologie und zurück („from the bedside to the bench and back“) zu ermöglichen. Ein solcher Ansatz ist innovativ und ermöglicht eine Bündelung wissenschaftlicher Kompetenz zu psychischen Erkrankungen, was in einem absehbaren Zeitraum zu messbaren Verbesserungen in der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen führen wird.
  • Vernetzung der Forschungsfelder unabdingbar
  • Eine gegenseitige Bereicherung von Grundlagenforschung, klinischer Forschung, Umsetzung evidenzbasierter Medizin sowie der Generierung Medizin- (d.h. Praxis-) basierter Evidenz durch Projekte der Versorgungsforschung ist unabdingbar. Auch schafft ein Zentrum für Psychische Erkrankungen eine strukturelle Voraussetzung, um die erforderliche kritische Masse auch über längere Zeitstrecken zu gewährleisten, da bestimmte Fragestellungen eine jahrelange Kontinuität der Forschungsarbeit erfordern (z.B. biologische Marker, epidemiologische und Verlaufsforschung, Kohortenstudien).
  • Grundstruktur des Zentrums
    Um eine ausreichende inhaltliche Breite bei wissenschaftlicher Exzellenz in allen Kernbereichen abdecken zu können, wird bei der Etablierung eines „Zentrums für Psychische Erkrankungen“ angeregt, dass eine Ringstruktur mit mindestens 5 ver-netzten Zentren etabliert wird, die administrativ z.B. von einem Helmholtz-Zentrum aus verbunden werden. Jedes Zentrum würde schwerpunktmäßig eine Erkrankungsgruppe (z.B. Depression, Angsterkrankungen, Suchterkrankungen, Psychosen und Persönlichkeitsstörungen) abdecken, wobei methodische Kompetenzen zentrumsübergreifend genutzt werden sollten. 
  • Offene Ausschreibung in der Auswahl der beteiligten Institute
    Das Verfahren zur Auswahl der beteiligten Institute sollte offen und breit erfolgen. Eine internationale Begutachtung sollte hierfür Grundlage sein und zu den besten wissenschaftlichen Arbeitsgruppen auf den gesamten Gebieten führen.

Literatur

Deutsche Rentenversicherung Bund (Hrsg) (2010) Statistik der deutschen Rentenversicherung in Zeitreihen 2010. Deutsche Rentenversicherung Bund, Berlin

Mathers CD, Loncar D (2006) Updated projections of global mortality and burden of disease, 2002–2030: data sources, methods and results. Public Library Sci Med 3 (11): e442

Schneider F, Falkai P, Maier W. Psychiatrie 2020 – Perspektiven, Chancen und Herausforde-rungen (2011). Springer Verlag, Heidelberg, 2011, 80 S., 20 Abb.

Maier W, Falkai P, Schneider F. Stellungnahme der DGPPN zum Stand der Forschung in Psychiatrie und Psychotherapie. Nervenarzt 2010; 81: 639-645.

Download:
stn-2012-02-24-konzeptpapier.pdf [76 KB; PDF]