Gaebel: Zur Versorgungssituation psychisch Kranker. Vorstellung einer aktuellen Studie
Statement von Prof. Dr. med. Wolfgang Gaebel, Düsseldorf, Mitglied im Vorstand DGPPN, im Rahmen des Presse-Round-Tables am 25.11.2011 zum Thema "Versorgungsforschung und Versorgungsrealität: Welchen Stellenwert haben Patientinnen und Patienten in der Gesundheitspolitik?"
Presse-Information 25.11.2011
Versorgungsforschung und Versorgungsrealität
Statement von
Prof. Dr. med. Wolfgang Gaebel, Düsseldorf
Mitglied im Vorstand DGPPN
Zur Versorgungssituation psychisch Kranker.
Vorstellung einer aktuellen Studie
Psychische und psychosomatische Erkrankungen und deren Versorgung rücken in Deutschland immer häufiger in den Fokus des gesundheitspolitischen Interesses. Bedingt wird dies vor allem durch die hohe Prävalenz psychischer Störungen, einhergehend mit einer zunehmenden Inanspruchnahme des Gesundheits- und Sozialsystems aufgrund psychischer Störungen sowie durch steigende Zahlen von Arbeitsunfähigkeiten und Früh-Berentungen durch psychische und psychosomatische Erkrankungen. Gegenstand der Diskussionen ist vor allem die bedarfsgerechte Planung von Versorgungsstrukturen für Menschen mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Der medizinischen, epidemiologischen und ökonomischen Bedeutung von psychischen Erkrankungen steht jedoch ein Mangel an Daten zur Versorgungssituation gegenüber. Vor diesem Hintergrund wird derzeit von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) eine von der Bundesärztekammer geförderte Studie zur Evaluation und Optimierung der Versorgungssituation von Menschen mit psychischen und psychosomatischen Störungen durchgeführt. Im Fokus der Analyse steht dabei die Versorgungssituation von Menschen mit psychischen Erkrankungen aus folgenden diagnostischen Gruppen psychischer Störungen (Kapitel V (F), Internationale Klassifikation der Krankheiten, 10. Revision, German Modification (ICD-10-GM)):
- Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen (F0)
- Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen (F1)
- Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen (F2)
- Affektive Störungen (F3)
- Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen (F4)
- Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren (F5)
Im Rahmen der Studie wird mittels der Auswertung anonymisierter Routinedaten dreier Ersatzkassen (DAK, KKH-Allianz, hkk) und der Deutschen Rentenversicherung Bund für die Jahre 2005 bis 2007 die Inanspruchnahme des medizinischen Versorgungssystems durch psychisch Erkrankte analysiert, um hieraus Hinweise auf ggf. bestehende Versorgungsmängel abzuleiten.
Die ersten Zwischenergebnisse der vorgestellten Studie bestätigen die aus epidemiologischen Untersuchungen zu erwartende hohe Betroffenenzahl: Ein Drittel (3,3 Mio., 33%) der ca. 10 Mio. Personen, die im Untersuchungszeitraum bei den beteiligten Krankenkassen versichert waren, nahmen im Drei-Jahreszeitraum der Untersuchung mindestens einmal Leistungen im Rahmen der medizinischen Versorgung aufgrund einer psychischen Störung aus den diagnostischen Gruppen F0-F5 in Anspruch. Führend waren hier die neurotischen, Belastungs- und somatoformen Störungen (F4, 2,3 Mio. Betroffene), gefolgt von affektiven Störungen (F3, 1,5 Mio. Betroffene), Suchterkrankungen (F1, 0,6 Mio. Betroffene), den organischen, einschließlich symptomatischer Störungen (F0, 0,3 Mio. Betroffene), den Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren (F5, 0,3 Mio. Betroffene) und den Schizophrenien, schizotypen und wahnhaften Störungen (F2, 0,1 Mio. Betroffene). Die ersten Auswertungen zeigen, dass psychisch Kranke in hohem Maße von mehr als einer psychischen Erkrankung betroffen sind („Komorbidität“). Etwa 50 Prozent dieser Menschen leiden an psychischen Erkrankungen, die unterschiedlichen diagnostischen Gruppen (Kapitel V (F), ICD-10-GM) zuzuordnen sind. Besonders häufig treten die Komorbiditäten „affektive Störung und neurotische, Belastungs-, somatoforme Störung“ (F3/F4, 696.682 Betroffene), „Suchterkrankung und neurotische, Belastungs-, somatoforme Störung und Suchterkrankung“ (F1/F4, 290.446 Betroffene) und „Neurotische, Belastungs-, somatoforme Störung und Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren“ (F4/F5, 237.846 Betroffene) auf. Die Behandlung erfolgt überwiegend im ambulanten Bereich. 98 Prozent der 3,3 Mio. Erkrankten hatten Kontakte zum ambulanten Versorgungssektor aufgrund ihrer psychischen Störung. Hiervon hatten 23 Prozent Kontakte zu Nervenärzten /Ärzten für Psychiatrie und Psychotherapie /Ärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie, 2,7 Prozent hatten Kontakte zu Ärzten für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und 7,5 Prozent waren bei einem Psychologischen Psychotherapeuten in Behandlung (Kontakt zu mehreren Berufsgruppen pro Betroffenem möglich). Die ambulante Versorgung findet bei Allgemeinmedizinern und somatischen Fachärzten statt: Knapp 72 Prozent der Betroffenen, die wegen ihrer psychischen Störung (F0-F5) ambulant behandelt wurden, hatten ausschließlich Kontakt zu Allgemeinmedizinern/somatischen Fachärzten.
Der Anteil der Patienten mit stationärer Behandlung (kurativer Versorgungsbereich; Rehabilitationsdaten wurden noch nicht analysiert) mit psychischer Hauptdiagnose variiert stark in Abhängigkeit von der Erkrankung. Hohe stationäre Aufnahmeraten mit psychischen Hauptdiagnosen finden sich vor allem bei Patienten mit psychotischen Erkrankungen (stationäre Aufnahme bei 15% aller Erkrankten mit Schizophrenien, schizotypen und wahnhaften Störungen), bei Erkrankten mit psychischer und körperlicher Erkrankung (10%) und bei Patienten mit Suchterkrankungen (6%). Auch bei den stationären Behandlungen zeigt sich, dass ein erheblicher Teil der Behandlungen aufgrund psychischer Hauptdiagnose in somatischen Fachabteilungen stattfindet. Zwar wurden 64 Prozent aller Patienten mit stationärer Behandlung mit psychischer Hauptdiagnose (F0-F5) in einer Allgemeinpsychiatrischen Fachabteilung behandelt („entlassende Fachabteilung“), aber 30 Prozent in einer somatischen Fachabteilung, außerdem 8 Prozent in einer Fachabteilung für psychosomatische Medizin, 4 Prozent in einer Fachabteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, 6 Prozent in einer Fachabteilung für Neurologie und weniger als 1 Prozent in einer Fachabteilung für Suchtmedizin (Behandlungen in mehreren Fachabteilungen pro Betroffenem möglich). Behandlungen mit psychischer Hauptdiagnose in somatischen Fachabteilungen („entlassende Fachabteilung“) finden sich vor allem bei Patienten mit Suchterkrankungen (F1). Hier wurden 64 Prozent aller Erkrankten mit stationärer Behandlung mit psychischer Hauptdiagnose aus einer somatischen Fachabteilung entlassen. Erste Analysen zum Versorgungsergebnis zeigen, dass im Falle depressiver Patienten ein signifikanter Unterschied in Abhängigkeit vom Versorgungsverlauf besteht. Mit zunehmender Intensität der Versorgung nimmt die mittlere Zahl an Arbeitsunfähigkeits-Tagen aufgrund der Depression und die Wahrscheinlichkeit einer Frühberentung aufgrund der Depression zu. Patienten mit ausschließlich fachärztlicher Versorgung, Patienten mit fachärztlicher und allgemeinmedizinischer Versorgung und Patienten mit mindestens einem stationären Aufenthalt aufgrund ihrer Depression hatten durchschnittlich signifikant mehr Arbeitsunfähigkeitstage und eine höhere Wahrscheinlichkeit, aufgrund einer Depression frühberentet zu werden, als Patienten, die ausschließlich allgemeinmedizinisch oder durch somatische Disziplinen versorgt wurden.
Mittels der Auswertung von Routinedaten der Kranken- und Rentenversicherung lässt sich die Inanspruchnahme des Gesundheitswesens aufgrund psychischer Erkrankungen sowohl im Quer-, wie auch im Längsschnitt („Behandlungsverläufe“) analysieren. Die Analysen werden wichtige Ergebnisse und Fakten zum „status quo“ der Versorgung psychisch Erkrankter liefern (z.B. hoher Versorgungsanteil allgemeinmedizinischer/somatischer Disziplinen), die wichtige Hinweise und Anreize für die künftige Versorgungsplanung darstellen können.
Kontakt:
Univ.-Prof. Dr. med. W. Gaebel
Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
LVR-Klinikum Düsseldorf
Kliniken der Heinrich Heine Universität Düsseldorf
Bergische Landstr. 2
40629 Düsseldorf
Telefon: 0211-922-2019
Fax: 0211-922-2020
E-Mail: wolfgang.gaebel[at]uni-duesseldorf.de
Download:
kongress2011-prt2-statement1-gaebel.pdf [38KB]