Fegert: Von anderen lernen: Modell USA?
Statement von Prof. Dr. med. Jörg Fegert, Ulm, im Rahmen des Presse-Round-Tables am 24.11.2011 zum Thema "Psychiatrie: Im Sold der Industrie?"
Presse-Information 24.11.2011
Psychiatrie: Im Sold der Industrie?
Statement von
Prof. Dr. med. Jörg Fegert, Ulm
Von anderen lernen: Modell USA?
Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten fällt vieles etwas größer aus. Scheinbar verhält es sich so auch mit den Interessenskonflikten, entsprechenden Skandalen und den Reaktionen auf solche Skandale. In den letzten Jahren kam es in den USA zur Verurteilung eines Unternehmens zu der größten, je erfolgten, gerichtlich angeordneten Strafzahlung wegen off-label Marketings von Psychopharmaka. Die Aktivitäten, insbesondere von Senator Grassly führten dazu, dass die Pharmahersteller größere Transparenz in Bezug auf Honorarzahlungen an Ärzte schafften. Die Angaben der Hersteller über bezahlte Summen, insbesondere an akademische Meinungsbildner und deren eigene Angaben gegenüber ihren Universitäten klafften teilweise weit auseinander und lösten ein zweites „Erdbeben“ in den Medien aus, so dass insgesamt das Vertrauen in die Unabhängigkeit und Seriosität der Pharmaforschung und der an der Medikamentenentwicklung und -verbreitung beteiligten Wissenschaftler und Ärzte erschüttert wurde. Das populärwissenschaftliche Buch der ehemaligen Herausgeberin des angesehenen New England Journals of Medicine, Marcia Angell, „The truth about the drug companies“ machte die Debatte und die Tricks des Pharmamarketings in einer fundierten, aber auch spannend reißerischen Darstellung einem sehr breiten Publikum zugänglich. Die Möglichkeiten der neuen Medien trugen mit der Veröffentlichung interner Materialien zur Marketingstrategie dazu bei, dass eine breite Öffentlichkeit davon erfuhr, wie geplant solche Verstöße gegen anerkannte Ethikkodizes betrieben wurden, so dass letztendlich solche Materialien auch wieder sozialwissenschaftlich analysiert werden und die wesentlichen Strategien beschrieben werden konnten.
Durch diese öffentliche Debatte kamen auch die medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften der Psychiatrie sowie der Kinder- und Jugendpsychiatrie in den USA erheblich unter Druck und versuchten, sich teilweise in einer ebenso spektakulären Reaktion zu, so der in der amerikanischen Presse gebrauchte Ausdruck, pharmakologischen Calvinisten zu entwickeln. Die Fachgesellschaften achteten darauf, dass ihre Entscheidungsträger keine Beratungsverträge mit der Industrie mehr hatten, bei allen Kongressen wurden die Erklärungen zu potentiellen Interessenskonflikten immer ausführlicher. Teilweise wurden große Forschungsstudien, die von der Industrie gefördert wurden, nicht mehr zusammen mit Studien anderer Geldgeber im gleichen Symposium oder in den gleichen Posterausstellungsflächen präsentiert, sondern durch eine getrennte Präsentation quasi in die Ecke gestellt. Diese teilweise etwas theatralische Überreaktion führte dann dazu, dass es immer schwieriger wurde, Experten z. B. in der Leitlinienentwicklung zu finden, die einerseits von der Thematik tatsächlich fundiert Ahnung hatten und andererseits nie in Forschung zusammen mit der Industrie verwickelt waren. So lange es kein Primat staatlicher Pharmaforschung gibt, ist ein solcher Zustand auch undenkbar. Kliniker, Wissenschaftler und Forscher in der Industrie müssen bei der Medikamentenent-wicklung zusammenarbeiten. Insofern macht ein generelles Abstinenzgebot und auch die vielfach in den USA teilweise theatralisch zur Schau getragene Wandlung vom Saulus zum Paulus wenig Sinn. Es geht konkret darum, Felder zu definieren, in denen eine Zusammenarbeit erwünscht und sinnvoll ist und andere Bereiche zu brandmarken, wo Ärzte nicht als Akteure des Pharmamarketings auftreten sollten.
Kontakt:
Prof. Dr. Jörg M. Fegert
Ärztlicher Direktor der
Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie
Universität Ulm
Steinhövelstraße 5
89075 Ulm
Telefon: 0731/500-61601
Fax: 0731/500-61602
E-Mail: joerg.fegert[at]uniklinik-ulm.de
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