Falkai: Was ist das: Individualisierte Psychiatrie und Psychotherapie?
Statement von Prof. Dr. med. Peter Falkai, Göttingen, DGPPN Präsident, im Rahmen des Presse-Hintergrundgesprächs am 23.11.2011 zum Thema "Individualisierte Psychiatrie und Psychotherapie: Bringt uns das weiter?"
Presse-Information 23.11.2011
Individualisierte Psychiatrie und Psychotherapie:
Bringt uns das weiter?
Statement von
Prof. Dr. med. Peter Falkai, Göttingen
DGPPN Präsident
Was ist das: Individualisierte Psychiatrie und
Psychotherapie?
Im Rahmen der sogenannten evidenzbasierten Medizin nehmen wir in der Regel den Vergleich von Gruppen, um zu beurteilen, welcher diagnostische- oder therapeutische Ansatz signifikant besser ist als ein anderer. Diese Mittelwertvergleiche erlauben in der Regel nicht die Voraussage ob individuell eine Diagnose zu stellen oder einen therapeutischen Ansatz für einen einzelnen Patienten zu empfehlen ist. Die personalisierte Medizin hat den Anspruch, dass sie in der Lage ist, eben dies für Diagnostik und Therapie einzulösen. Ein prominentes Beispiel, in welchem Bereich dies gut funktioniert, ist die Onkologie. Dort kann zum Beispiel beim Mammakarzinom anhand von Östrogen/Rezeptorprofilen ein individuelles Ansprechen auf einen therapeutischen Ansatz vorausgesagt werden. Das Thema des diesjährigen Kongresses versucht diesen Gedankengang für die Psychiatrie und Psychotherapie durchzudeklinieren.
Individualisierte Diagnose für Früherkennung und Frühintervention
Psychische Erkrankungen haben in der Regel ein jahrelanges Prodrom (Frühzeichen). Das gilt für psychotische Erkrankungen, aber auch insbesondere für neurogenerative Erkrankungen wie die Alzheimer-Demenz. Genau hier liegt die Möglichkeit, weit vor dem Ausbruch der Erkrankung mit Hilfe sogenannter Biomarker Risikopersonen zu identifizieren und ihnen eine Frühintervention anzubieten. Für demenzielle Erkrankungen gibt es als eine Möglichkeit bereits das sogenannte Amiluid-Pad. Frühinterventionen bei Risikopersonen mit körperlicher Aktivität oder zum Beispiel auch mit Fischöl bei psychotischen Erkrankungen zeigen, dass in frühen Phasen der Erkrankung die Übergangswahrscheinlichkeit in schwerere Formen reduziert werden können.
Differenzialdiagnose durch einen Bluttest?
In der somatischen Medizin beruht die Diagnose, etwa beim Herzinfarkt, in der Kombination der klinischen Symptomatik, dem EKG und den Laborparametern. Nach diesem Vorbild werden wir in Zukunft auch die Diagnose einer psychischen Erkrankung zusätzlich, beispielsweise durch Blutparameter, verifizieren können. Ein Ansatz stellt dabei der „Bluttest der Schizophrenie“ dar, der eine Abgrenzung zwischen einer Schizophrenie und einer bipolaren Störung erlaubt. Dies ist in diesem Fall von großer Bedeutung, weil neben unterschiedlichen Langzeitprognosen der frühe Einsatz einer Erhaltungstherapie mit einem Neuroleptikum bei einer Schizophrenie oder einem Stimmungsstabilisatoren bei einer bipolaren Erkrankung die Diagnose deutlich günstiger werden lässt.
Voraussage von Nebenwirkung und Therapieansprechen
Mit Hilfe der sogenannten Pharmako-Genetik gelingt es uns zunehmend auch beim einzelnen Patienten Nebenwirkungen unter einer bestimmten Pharmakotherapie vorauszusagen. In absehbarer Zeit wird man in der Lage sein, bei der Aufnahme die Gruppe der Antidepressiva oder Neuroleptika besser zu fassen, die für einen individuellen Patienten von Vorteil sind. Für die Psychotherapie depressiver Erkrankungen wissen wir mittlerweile, dass für eine akute Depression die Interpersonelle Psychotherapie (IPT) und für eine chronische Form der Depression, die häufig mit frühen Traumata verbunden ist, das sogenannte „Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy“ (CBASP) wirkungsvoller ist.
Haben wir nicht schon immer individualisiert diagnostiziert und behandelt?
In der klinischen Psychiatrie diagnostizieren und behandeln wir immer einen individuellen Menschen. Der erfahrene Kliniker wird bereits in der Anamneseerhebung mit der Erhebung der klinischen Symptomatik sehr viel über den akuten, aber auch längerfristigen Verlauf aussagen können. Das Vorhandensein frühkindlicher Traumata oder die familiäre Belastung mit gewissen psychischen Erkrankungen werden in unsere therapeutischen Überlegungen mit einbezogen. Insofern ist eine „personalisierte Psychiatrie und Psychotherapie“ nichts wirklich neues, sondern der Anspruch, diesen Ansatz systematisch voranzutreiben, um den einzelnen Patienten möglichst eine optimale Diagnostik und Therapie zukommen zu lassen.
Kontakt:
Prof. Dr. med. Peter Falkai
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Universitätsklinikum
von-Siebold-Str. 5
37075 Göttingen
Telefon: 0551-396601
Fax: 0551-3922798
E-Mail: pfalkai[at]gwdg.de
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