09.07.2012
Geschichte

Psychiatrie in der Zeit zwischen den Weltkriegen

Internationaler DGPPN-Workshop vom 7. bis 9. Juni 2012 im Rückblick


Mehr als 60 Historiker, Mediziner und Psychiater trafen sich vom 7. bis 9. Juni 2012 im Gästehaus der RWTH Aachen, um die Psychiatrie in der Zeit zwischen den Weltkriegen unter nationalen und internationalen Aspekten zu diskutieren. Der internationale Workshop stand unter der Leitung von Prof. Dr. Volker Roelcke/Giessen, Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl/Bielefeld und Prof. Dr. Dr. F. Schneider/Aachen. Eingeladen hatte die „Kommission zur Aufarbeitung der Geschichte der DGPPN“ und der Past President der DGPPN.

Die Historie unseres Fachgebiets ist in vielen Bereichen noch nicht lückenlos aufgearbeitet. Die Psychiatrie im Nationalsozialismus ist eines ihrer dunkelsten Kapitel. Aus Respekt vor den vielen Opfern und Leittragenden und im Angesicht des Handens von damaligen Psychiatern ist es notwendig, dass wir uns dieser Vergangenheit stellen und sie lückenlos aufarbeiten.

Die jetzige Tagung ist ebenso wie ein bereits 2011 veranstalteter Workshop Bestandteil eines zweijährigen Forschungsprojektes zur "Geschichte des Deutschen Vereins für Psychiatrie, bzw. der Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater in der Zeit des Nationalsozialismus", das im Jahr 2010 von der DGPPN initiiert wurde. Die internationale „Kommission zur Aufarbeitung der Geschichte der DGPPN“ ist von der Fachgesellschaft beauftragt worden, das Forschungsprojekt beratend zu begleiten. In dieser Tätigkeit ist sie frei und unabhängig, also gegenüber der DGPPN oder anderen Verbänden nicht weisungsgebunden. Neben dem Vorsitzenden, Prof. Dr. Volker Roelcke/Gießen, besteht die Kommission aus Frau Prof. Carola Sachse/Wien, Prof. Dr. Heinz-Peter Schmiedebach/Hamburg  und Prof. Dr. Paul Weindling/Oxford. Alle Kommissionsmitglieder waren anwesend, daneben fünf frühere Präsidenten und der aktuelle Präsident der DGPPN.

Arbeitstherapie und Psychotherapie hatten bereits vor dem Ersten Weltkrieg Eingang in die psychiatrische Therapie gefunden und  wurden in der Zeit zwischen den Weltkriegen weiter entwickelt und verstärkt implementiert. Ein neuer therapeutischer Impuls entstand aus der scheinbar erfolgreichen Behandlung der „Kriegsneurotiker“ während des Ersten Weltkriegs. Dr. Ioanna Mamali/Münster legte dar, dass der Drang, die Psychiatrie nach dem Vorbild der somatischen Medizin zu einer heilenden Disziplin zu entwickeln, zu zwangstherapeutischen Modellen führte, die sich vom ‚Zwangsexerzieren‘ der ‚Kriegsneurotiker‘ im Ersten Weltkrieg bis hin zu den Zwangssterilisationen der ‚Erbkranken‘ im Nationalsozialismus erstreckten. Diese bereiteten nach ihren Ausführungen zum großen Teil den Boden für die ‚Euthanasie‘ ‚lebensunwerten‘ Lebens.

So griff PD Dr. Gerrit Hohendorf in seinem Vortrag die These auf, dass die nationalsozialistische "Euthanasie"-Aktion zumindest von Seiten der an Planung und Durchführung beteiligten Psychiater in ein umfassendes Reformkonzept der psychiatrischen Versorgung, Forschung und Therapie eingebettet werden sollte. Die bestmögliche Therapie für psychische Erkrankungen in Form der modernen Schocktherapien sollte dabei die Rechtfertigung für die rassenhygienischen Maßnahmen der Sterilisierungs- und Vernichtungspolitik darstellen. Es wurde gezeigt, dass die Dialektik von Heilen und Vernichten nicht eine Reaktion auf die Krankenmorde darstellt, sondern bereits sehr früh, spätestens ab Frühjahr 1940, für die Arbeit der Medizinischen Abteilung der T4 prägend gewesen ist. Insofern stellte Therapieunfähigkeit auch ein kardinales Selektionskriterium dar.

Es wurde bei allen Vorträgen deutlich, welche wichtige Rolle der international verbreitete Zeitgeist aus Degenerationslehre, Eugenik, Rassenhygiene, Zwangssterilisation, Geringschätzung von Patientenrechten als Hintergrund für die besprochen Entwicklungen spielte. Aber auch die unterschiedliche Sprache zwischen Psychiatern und Historikern wurde eingehend thematisiert.

Ganz im Zentrum des Workshops standen die frühen somatischen Therapien. Diese werden manchmal auch als „heroische Therapien“ bezeichnet, weil sie den therapeutischen Erfolg im Verhältnis zu den Nebenwirkungen unverhältnismäßig in den Vordergrund stellten und dem Risiko für den Patienten wenig Beachtung schenkten. Wurden diese Therapien auch im Ausland diskutiert und eingeführt? Welchen Einfluss übten rechtliche, politische, wirtschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Rahmenbedingungen auf ihre Verbreitung aus? Gab es wissenschaftliche Kontroversen? Diese und ähnliche Fragestellungen sollten dazu dienen, das Umfeld der neuen Therapien zu beleuchten.

Münsingen (Kanton Bern/Schweiz) war in den 1930er Jahren eine wichtige Drehscheibe, wo neue Therapieformen rezeptiert und weitergegeben wurden. Der Beitrag von Dr. Urs Germann beschäftigte sich am Beispiel der Person von Max Müller und der Heil- und Pflegeanstalt Münsingen mit der Diffusion, Rezeption und Institutionalisierung der Insulinkur in den späten 1930er-Jahren. Als zentrale These formulierte er, dass Münsingens frühes Renommee als "Insulinzentrum" zweifellos als Ergebnis von Müllers persönlichem Engagement und seiner Fähigkeit anzusehen ist, über die Grenzen nationaler scientific communities hinaus Netzwerke zu knüpfen. Müllers Tätigkeit widerspiegelt aber auch einen nationalen Psychiatriestil, der eine gewissen Experimentierfreude und generell die ärztliche Autonomie förderte. Gleichzeitig lässt sich das pionierhafte Aufgreifen der Insulinkur als Reaktion auf einen spezifisch lokalen Modernisierungsdruck verstehen, der dem Leitbild einer durchrationalisierten Krankenhauspsychiatrie bei Ärzten, aber auch Gesundheitspolitikern Auftrieb gab.

Bei der Einführung der Elektrokonvulsionstherapie in Europa und den USA spielte Lothar Kalinowsky eine zentrale Rolle. Der Lebens- und Berufsweg des Berliner Nervenarztes Kalinowsky gilt als Beispiel für die Verflechtung des Schicksals der deutschen Psychiatrie mit der jüdischen Emigration im Nationalsozialismus. Frau Dr. Lara Rzesnitzek veranschaulichte dies mit sehr eindrucksvollen Auszügen aus Archivmaterialien, darunter bislang unveröffentlichten Briefwechseln und Filmaufnahmen. Sie konnte darüber hinaus aufzeigen, wie das politische und wirtschaftliche Schicksal Europas zwischen den Weltkriegen die Verbreitung der Elektrokrampftherapie bestimmte. Ihr Verweis auf die  rivalisierenden Geschichten um die Einführung der Therapie in Frankreich und mit einem Blick auch auf Deutschland verdeutlichten den Gewinn, die Geschichte der Einführung der Elektrokrampftherapie als eine ‚verflochtene’ bzw. wörtlich ‚gekreuzte’ zwischen verschiedenen Ländern aber auch Akteuren im Sinne der ‚Histoire croisée’ zu sehen.

Autoren: Frank Schneider und Michael Grözinger (Aachen)

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